Archive | März 2012

Leidenschaftlich wohl tun

Menschen, die sich nicht leidenschaftlich

an einen Menschen, eine Aufgabe

oder einen Augenblick hingeben können,

sind oft Menschen, die sich leidenschaftlich

nach etwas sehnen, das ihnen fehlt.

Das könnte bedeuten,

dass Menschen, die sich nicht ganz hingeben können,

nicht ganz bei sich sind,

bzw. dass Menschen, die ganz bei sich sind,

sich ganz hingeben können.

Es kann aber auch bedeuten,

dass ganze Hingabe nur dann gelingt,

wenn der Mensch nicht vorrangig

ganz bei sich sein will.

Vielleicht ist es so:

Wenn der Mensch sich für eine Zeit lang loslässt,

(inklusive aller Sehnsüchte, Forderungen, Ziele,

Wünsche und Hoffnungen)

kann er sich

dem Summen der Hummel,

dem Glanz des Tautropfens,

dem Duft der Blume,

dem Lächeln des Kindes,

dem Akt der Liebe,

dem Sinn der Aufgabe,

mit solcher Leidenschaft hingeben,

dass er die liebevolle Gegenwart der Ewigkeit schmeckt,

die er in sich trägt.

Die Leidenschaft lässt sich – wie die Lust und die Liebe –

nicht rufen und einfangen.

Sie kommt, wie es ihr selber gefällt.

Wenn Mensch sie einfordert, vergeht sie ihm.

Aber wir können ihr fruchtbaren Boden bereiten

indem wir glauben, dass wir sie in uns tragen.

Und dass sie sich ausdehnen will,

um den Menschen oder die Aufgabe

die uns anvertraut sind,

noch ein wenig schöner zu machen.

In der Gewissheit,

dass wir an Kindern, Partnern,

Kunstwerken, Aufgaben und Grashalmen

nicht ziehen müssen, damit sie wachsen

und schöner werden.

Manchmal genügt es bereits,

keinen Schatten zu werfen.

Bereits allein dadurch

können wir die besten Möglichkeiten

aus dem anderen herauslieben.

Leidenschaft schafft Leiden

indem sie begehrt oder vermieden wird.

Wenn wir aber die Selbstbezogenheit hingeben

(die, die den Schatten wirft),

ermöglichen wir Räume für Leidenschaft.

Leidenschaft, die Liebe ist

und deren tiefster Zweck vielleicht allein dieser ist:

 wohl zu tun.

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Mein bester Freund

Philosophen und Naturwissenschaftler sind sich einig:

Unsere Welt und unser Leben

besteht aus Gegensätzen:

Tag-Nacht, Kalt-Heiß, Schwarz-Weiß, Arm-Reich,

Angst-Liebe, Stark-Schwach, Festhalten-Loslassen, Ja-Nein.

Keiner der Pole ist gut oder schlecht,

sie bedingen einander, sind untrennbare Einheit.

Das ergibt die Vielfalt der unendlichen Möglichkeiten.

So weit, so gut. Aber:

Mein innerer Schweinehund,

(den ich bis heute immer Psychohygienicus genannt habe,

weil ja die Pflege der Seele mindestens genau so wichtig ist,

wie die Pflege des Körpers),

hat ja auch immer einen Gegensatz-Partner.

Der eine sagt „Ja“, der andere „Nein“.

Der eine sagt „Halt fest“, der andere „Lass los“.

Der eine „Sei stark“, der andere „Sei schwach“.

Und erstaunlicherweise haben fast immer beide recht ! :

An der grünen Ampel kann es ganz gut sein,

stehen zu bleiben (wenn die Feuerwehr angerast kommt)

und an der roten Ampel kann es ganz gut sein,

weiter zu fahren (wenn Du bei der Feuerwehr bist).

Es kann ganz gut sein,

in Deinem Beruf zu bleiben, in Deinem Wohnort,

bei Deinem Partner, sagt der eine „Schweinehund“-Freund.

Und es kann ganz gut sein, etwas Neues zu wagen,

sagt der andere.

So fühlte ich mich immer irgendwie ein wenig 

hin und her gerissen zwischen meinen beiden Freunden.

Bis es mir endlich wie ein Feuer

aus dem Dachstuhl leuchtete:

Ich habe ja noch einen dritten „Schweinehund“-Freund

(wie ich inzwischen weiß, der einzig-wahre).

Und der sagt immer:

Sei still.

Tue nichts.

Hab Vertrauen in das Leben.

Werde Dir bewusst.

Höre in Dein Herz hinein.

Sei still und tue nichts.

Zugegeben, an der Ampel ein Prozess von Sekunden.

Bei anderen Gelegenheiten kann es gut sein,

sich genügend Zeit zu nehmen, für das Stillesein.

Dieses Nichtstun und Stillesein

ist weder Aussitzen, noch Abwarten, noch Ignoranz.

Stillesein und Nichtstun

kann das Schönste und Aktivste sein,

was Dir geschenkt wird.

Ein Stille-Sein.

Es könnte sein, dass Dir in dieses Stille-Sein hinein

geschenkt wird,

dass Du erstmal ganz da bist

(Beruf, Wohnort, Partner),

bevor Du gehst oder bleibst.

Dass Du erstmal ganz loslässt, bevor Du Dich einlässt.

Oder Dich ganz einlässt, bevor Du loslässt.

Dass Du erstmal ganz liebst,

bevor Du gehst oder bleibst

(und dann schaust, was geschieht)

oder erstmal ganz gehst,

bevor Du wiederkommst oder wegbleibst

(und dann schaust, was geschieht).

Du musst nicht immer erst schwach sein,

um stark sein zu können (manchmal hilft`s).

Auch nicht umgekehrt (manchmal hilft auch das).

Aber erstmal Stille-Sein hilft meistens.

Ich liebe sie, meine beiden Psychohygienicusse.

Aber der, der sagt „Sei still“,

mein allerbester Freund,

  der bin ich am liebsten.   

Frei für die Liebe

Wenn Du denkst Du solltest

Deine Partner, Kinder, Eltern, Freunde und Kollegen

lieben, damit die glücklich sind,

steckst Du in ernsthaften Schwierigkeiten:

1. Du bekommst Scham- und Schuldgefühle,

wenn es Dir nicht gelingt

und dann kommt Bitterkeit und Selbsthass.

Das ist lieblos.

2. Du bist besserwisserisch,

weil Du ja gar nicht wirklich weißt,

was den anderen glücklich macht.

Das ist lieblos.

3. Jemanden lieben, damit ! der glücklich ist,

knüpft Liebe an Bedingung.

Das ist lieblos.

Es gibt eine weitere Möglichkeit:

Du könntest

Deine Partner, Kinder, Eltern, Freunde und Kollegen

lieben, damit DU glücklich bist.

Dann steckst Du in ernsthaften Schwierigkeiten:

1. Du spürst, dass Du durch dieses Lieben

niemanden wirklich glücklich machst

und wirst Dich immer mehr aufopfern.

Das ist lieblos.

2. Beim Aufopfern übersiehst Du,

dass Du ohne Selbstliebe gar nicht lieben kannst.

Das ist lieblos.

3. Jemanden lieben,

damit DU durch Aufopfern „glücklich“ bist,

knüpft Liebe an Bedingung.

Und der andere spürt, dass er nicht gemeint ist.

Das ist lieblos.

Wenn Dein Glück vom Glück des anderen abhängt,

ist er Deine Geisel.

Und wenn des anderen Glück von Deinem abhängt,

bist Du seine Geisel.

Wir wissen nicht genau, wie es Menschen geht,

die das Bewusstsein verloren haben,

aber wir können davon ausgehen,

dass Menschen, die Liebe an Bedingungen knüpfen,

das Bewusstsein verloren haben.

Aber wie kommen wir heraus aus dem Wachkoma

der Lieblosigkeit vermeintlicher Liebe?

Ganz einfach:

Ich selbstverantworte mein Glücklichsein

(und stecke Dich vielleicht damit an)

Du selbstverantwortest Dein Glücklichsein

(und steckst vielleicht mich damit an).

Dann sind wir beide frei für die Liebe.

Wie das geht?

Ich fühle in mein Herz hinein.

Und fühle in Dein Herz hinein.

(Gleich-zeitig und gleich-gültig).

Dann schweigen, hören, sehen, schmecken, fühlen,

staunen und lieben wir.

So etwas kann man nicht machen.

Vor allem nicht darauf warten.

Das kommt einfach.

Und wenn Du Dich ein klein wenig frei fühlst,

in all Deiner wunderschönen Gebundenheit,

dann ist es jetzt grad da.

Lieber freuen

 Da gibt es so ein paar Dinge,

da könnt ich grad wahnsinnig werden:

Die Bankenrettung, der Nachbar, der mein Auto zuparkt,

der Ehrensold, der Bäcker, der mein Lieblingsbrötchen

ausverkauft hat, das Nord-Süd-Gefälle,

die respektlosen Kinder, das Leid in Syrien,

Mitbürger, die nicht Autofahren können,

Tsunami-Katastrophen, modernes Sklaventum,

und vor allem: meine Partnerin, die ihre Sachen

immer da hinlegt, wo ich gerade frei geräumt habe.

Da könnt` ich wahnsinnig werden,

zornig, wütend, rachsüchtig.

In ausgeglichenen Momenten zumindest

gereizt, schlaflos grübelnd, ignorant.

„Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal“,

steht auf meinem Autoaufkleber.

Ein ganz guter Anfang, wie ich finde.

Bis ich auf einmal begreife:

Das geschieht doch alles in meinem Kopf.

Ich bin doch nicht meine Gedanken.

Ich habe Gedanken.

Muss ich aber nicht.

Vorsichtig geschätzt sind 98% aller Gründe

wahnsinnig zu werden,

keine Gründe wahnsinnig zu werden.

98% meiner Befürchtungen, Sorgen und Ängste,

sind Kopfkino, entsprechen nicht der Realität.

Kopfkinoszenen sind Zurückweisungserfahrungen

aus der Vergangenheit,

aus denen ich Zurückweisungsängste

für die Zukunft mache.

Mit der Sehnsucht nach Besitz, Anerkennung und Liebe

in der Vorkammer meines Herzens,

lasse ich meinen Nachbarn, Bäcker und Partner

zu lieblosen Ignoranten werden.

Aber: Ich bin nicht meine Gedanken !

In der Mitte meines Herzens ist ein

klarer, warmer Tümpel der Freude.

Darin plantschen Akzeptanz, Verbundenheit

und Liebe miteinander.

Der will so gerne überfließen,

hin zu anderen.

Meine ganze Herzlichkeit will nach draußen.

Wahnsinnig werden, oder schlaflos ignorant ?

Ach nein !

Bevor ich mich aufrege

(trotzt allem),

freue ich mich lieber.

Und was ist eigentlich das Schöne daran,

dass meine Partnerin ihre Sachen immer da hinlegt,

wo ich grade frei geräumt habe ?

Dass sie da ist.

Da freu` ich mich lieber.