Perfektionismus

Gestern gab es keine Sonntagsgedanken.

Obwohl ich so gerne zuverlässig bin.

Viele Menschen warten jeden Sonntagmittag darauf.

Dadurch bin ich gern besonders zuverlässig.

Am liebsten perfekt zuverlässig.

Kennst Du das auch,

in Beziehung oder Beruf,

bei irgend etwas gern perfekt sein zu wollen?

Dabei raten alle

Therapeuten, Kollegen und Lebenshilfebücher,

den Perfektionismus endlich aufzugeben.

Diesen Stress sein zu lassen.

Manche meinen sogar,

dass wir nur bei den Dingen perfekt sein wollen,

bei denen wir glauben,

nicht gut genug zu sein.

Also: Schluss mit Perfektionismus!

Bringt eh nichts.

Wir werden bei nichts jemals perfekt!

Das haben wir jetzt also verstanden!

Perfekt.

Und doch habe ich manchmal den Verdacht,

dass wir den Perfektionismus nur deshalb sein lassen,

weil wir doch zumindest irgendwie gut sein wollen.

In so einer guten Balance

zwischen ganz und gar nicht,

zwischen richtig und falsch.

Wenn schon nicht perfekt zuverlässig,

dann doch zumindest zuverlässig.

Heimlich, still und leise

schleicht sich durch die Hintertür der Gutmensch,

so ein klein wenig perfekt.

Die inneren Stimmen treten zum Kampf auf die Bühne.

Ich aber will nicht mehr kämpfen,

will nicht hin und her gerissen sein.

Will endlich mal wieder sein, wie ich bin.

Und wer ich bin.

Der nämlich,

der manchmal nicht zuverlässig ist,

der nicht immer jeden verstehen will,

und der, der es liebt recht zu haben.

Der, der auch mal schlechte Laune hat

und keine Lust auf Kontakt.

Der, der Unmögliches bewahren

und Bewährtes verändern möchte.

Der, der schlechte Gewohnheiten pflegt

und der, der nicht immer lächeln muss,

wenn er in den Spiegel schaut.

Und der, der gern auch mal 3 Hamburger isst.

Der, der sich eben nicht

mit seinen Schweinehunden versöhnt,

sondern der, der sie manchmal bekämpft

und ihnen manchmal blind und gedankenlos folgt.

Ich bin manchmal

gierig und manchmal träge.

Und manchmal kaum erträglich egoistisch.

Manchmal suhle ich mich melancholisch

in meinen therapieresistenten Kindheitsprägungen.

Manchmal verurteile ich mich und andere

und genieße dabei das Gefühl recht zu haben.

Wenn es gut geht,

kann ich bei all dem trotzdem lachen.

Aber es gibt auch Dinge,

bei denen ich im Nachhinein froh bin,

wenn mir das Lachen vergangen war.

Nicht mehr perfekt,

ein guter Anfang.

Nicht mehr gut genug,

ein zweiter, ziemlich entlastender Schritt.

Manchmal egoistisch, unemphatisch und unecht

und dabei ein klein wenig ungut, unlieb, unfroh

und unzuverlässig:

ein dritter kleiner Schritt zu kleiner Erleuchtung.

So halb zuverlässig in all meinen Halbheiten,

das fühlt sich so herrlich halb an.

Denn so ein klein wenig erleuchtet genügt vollkommen.

Stimmt`s ?

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