Meine Güte

Es gibt so viele Dinge, die ich nicht verstehe,

bei mir, bei anderen, auf der Welt.

Amokläufe verstehe ich nicht.

Und ich habe schon wieder so einen kleinen Kopfschmerz.

Die unzähligen Kriege weltweit verstehe ich nicht.

Und der Kollege war gestern schon wieder so überheblich.

Flutkatastrophen und Dürreperioden verstehe ich nicht.

Und wer geht eigentlich Brötchen holen?

Politik und Wirtschaft verstehe ich nicht.

Und die Fliege vor mir nervt mich seit einer Stunde.

Die Idioten haben schon wieder die Benzinpreise erhöht.

Und inzwischen haben wir ca. 10 Millionen Millionäre

und ca. 800 Milliardäre weltweit.

Und eine Milliarde Menschen die hungern

und bald an den Folgekrankheiten sterben.

Das verstehe ich nicht.

Das alles gibt mir Zeit

über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Ein Luxus, den sich die meisten Menschen

nicht erlauben können.

Die haben andere Sorgen.

Soll ich denn meine Sorgen nicht mehr ernst nehmen?

Meine Wut, meinen Kummer, meine Trägheit?

Die alle verstehe ich meistens nicht.

Vorhin war ich kurz sehr freundlich.

Das verstehe ich auch nicht.

Vielleicht werde ich nachher vergeben können.

Vielleicht werde ich fürsorglich sein können.

Vielleicht werde ich mich mit der Fliege versöhnen.

Ja, ich ahne, dass tief in mir drin Güte wohnt,

mit Ehrfurcht vor allem Lebendigen.

Und ich komme manchmal nicht dran.

Aber nicht mal darüber habe ich Gewissheit,

weder über schlummernde Güte,

noch über nicht Drankommen.

Ich fürchte, ich muss mit Ungewissheit leben.

Am Himmel tut sich ein Loch in den Wolken auf.

Keine Ahnung, ob die Sonne durchkommen wird.

Keine Ahnung, was mit dem Hunger wird

und dem Klima und den Kriegen.

Und den Milliardären.

Und meinem Kollegen.

Und der Fliege.

Doch: es gibt eine Gewissheit:

Ich werde meistens nicht gütig sein und nicht freundlich.

Mit dieser Gewissheit werde ich es lieben,

Ungewissheit für alles andere zu haben.

Und diese Gewissheit ist vielleicht

ein reicher Nährboden dafür,

hin und wieder

ein wenig gütig und freundlich zu sein,

zu mir und zu anderen.

Du meine Güte.

Du, meine Güte !

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