Vertraut machen

Es gehört wohl zu den schönsten Stellen der Weltliteratur,

das Kapitel in dem Büchlein „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupery,

als der Fuchs zum Kleinen Prinzen sagt:

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich,

was du dir vertraut gemacht hast“.

Wenn du mich zähmst, werden wir einzigartig sein füreinander.

Der Klang deines Schrittes wird sich von allen anderen unterscheiden

und „mich wie Musik aus meinem Bau locken“.

Wie denn „zähmen“ geht, wollte der Kleine Prinz wissen.

Du musst geduldig sein. Und nichts sagen.

Und jeden Tag ein bisschen näher kommen.

 

Vertraut machen und verantwortlich sein

ist nach Saint-Exupery ganz offensichtlich ein aktives Tun,

nichts Selbstverständliches, nichts Geschenktes, nichts Vorbestimmtes.

Gemeint sind nicht – ganz automatisch – die Eltern, die Verwandten,

die Kinder (weder die leiblichen, noch die anvertrauten),

die Nachbarn oder die Kolleginnen. Auch nicht die Ehepartner.

 

„Ich kann den Klang Deines Schrittes von tausenden unterscheiden.

Die goldenen Weizenfelder

werden mich an Dein weizenblondes Haar erinnern

und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.“

 

Was aber mag das wohl bedeuten,

geduldig sein, nichts sagen und jeden Tag ein bisschen näher kommen?

Vielleicht dies:

Ich will nicht darauf warten, gezähmt zu werden,

um für jemanden einzigartig zu sein.

Stattdessen vielleicht dies:

Ich will dich nicht bedrängen. Und nichts fordern.

Ich will dir liebevoll zuhören, um dich wirklich zu verstehen.

Ich will Dir ein bisschen näher kommen –

indem ich mein Herz öffne.

 

Herz öffnen?

Ich will nicht meinen Müll bei Dir abladen,

denn dann bin ich nicht mehr bei Dir.

Und ich bin nicht schuldig,

denn besser konnte ich es nicht.

 

Aber wenn die Stunde kommt,

in der wir mit offenen Herzen füreinander da sind,

will ich mich so mitteilen,

dass ich alles mit Dir teile,

meine Sehnsüchte, meine Verletzungen, meine Ängste,

und den Frieden, der mich umhüllt,

wenn mein Herz sich dehnen will, hin zu Dir,

beim Klang Deines Schrittes, der Musik Deines Haares

und der Süße Deines Teilens.

 

Und dann bin ich zeitlebens verantwortlich.

Auch über den Abschied hinaus.

Vielleicht musste oder muss ich eines Tages gehen.

Vielleicht Du.

Vielleicht gehen wir auf eigenen, getrennten Wegen weiter.

Vielleicht ist der Abschied endgültig.

 

Ganz gewiss wird aus dem gefallenen Herbstlaub Dünger.

Ganz gewiss wächst an gleicher Stelle aus gestärktem Ast

ein neues Blatt.

Ganz gewiss wird – ohne unser Drängen – wieder Frühling.

 

Und ich erwarte nicht, dass Du zeitlebens verantwortlich bleibst.

Ich werde es sein.

Ich werde alten Groll von Güte heilen lassen,

werde mich dankbar an Dein Lachen erinnern,

an die Wärme unserer gemeinsam geöffneten Herzen

an die unendliche Sanftheit,

mit der der Himmel unter unsere Haut gekuschelt ist.

 

Ich werde zeitlebens verantwortlich bleiben,

vor allem dadurch, dass ich Dich loslasse.

Entweder für unsere getrennten Wege.

Oder den endgültigen Abschied vom zeitlichen Leben.

 

Und weil ich in diesem Moment

mit dem Loslassen beginne,

erfüllt mich das Geduldigsein, das Nichtssagenwollen, das Näherkommen

und die Ahnung, dass es Liebe ist.

Du Partner, Du Kind, Du Mutter, Du Vater, Du Freund.

Und Du, mein himmlischer Freund und Partner und Komplize.

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