Archive | Januar 2013

Kindsein

Kindsein

 

Worin eigentlich unterscheiden wir Erwachsenen uns von Kindern?

Verstand? Vernunft? Verhalten?

Verantwortung? Verlässlichkeit? Vaterlandsliebe?

 

Wir Erwachsenen denken manchmal, wir müssten unserem Leben

mit Verstand, Vernunft und Verhalten Bedeutung verleihen.

Dann jagen wir unserer Bedeutsamkeit hinterher,

indem wir Macht, Besitz, Intelligenz und Tugend anhäufen,

um unsere Bedeutsamkeit uns selbst und anderen zu beweisen.

 

Bis wir einem Kind begegnen.

 

Und feststellen, dass dieses Kind ganz ohne

Verstand, Vernunft, Verhalten, Verantwortung, Verlässlichkeit

und Vaterlandsliebe zählt und von Bedeutung ist.

Natürlicherweise von Bedeutung ist.

Allein mit seinem Da-Sein sagt und fragt:

Da bin ich. Bist Du auch da?

Das Kind stellt diese Frage. Und IST diese Frage:

Bist Du jetzt auch ganz da?

 

Und da dieses Frage-Sein des Kindes

nichts zu tun hat mit Verstand, Vernunft und Verhalten,

bleibt (nur) noch ER-LEBEN.

Wortlos – ohne Vernunft und Verstand – spricht das Kind:

Ich sage nichts und tue nichts.

Und ganz ohne Bedeutsamkeit erlangen zu wollen,

bin ich einfach ganz da.

Und schenke mich Deinem Er-leben.

 

Und da geschieht,

dass unser erwachsenes Herz

sich zu seiner innigsten Mitte hin öffnet und spricht:

Ich danke Dir für das Privileg und Dein Geschenk

Dich erleben zu dürfen.

Und ich schenke Dir mich. Ganz mich.

Für Dein Er-leben.

Und damit ist alles gesagt und getan.

 

In dieser Begegnung ohne Verstand und Vernunft,

in der das Streben nach Bedeutsamkeit bedeutungslos ist,

geschieht das Wunder einer wahren Begegnung:

Ich bin da und Du bist da.

Dein Leben zählt und mein Leben zählt.

In solch einer Begegnung,

in der nichts zu sagen und zu tun ist,

ist alles gesagt und getan.

 

Du-bist-da und Ich-bin-da

ist nicht der Zustand, der sich himmlisch anfühlt

(in einer wahren Begegnung geht es nicht um gute Gefühle),

es ist der Himmel selbst.

 

Wenn Jesus in Markus 10 sagt

„Lasst die Kinder zu mir und hindert sie nicht,

denn ihnen gehört der Himmel“,

ist damit kein Versprechen für die Zukunft gemeint.

Es ist Feststellung und Appell:

Seid Himmel, indem Ihr Anteil nehmt am Kindsein,

dem von Kindern und Eurem eigenen.

Und wenn Ihr das Kind Kind sein lasst,

werdet Ihr mit dem Kind Kind sein dürfen

und die Welt mit Kinderaugen sehen.

Und Himmel sein.

 

Und der gegenseitig geschenkte Segen des Da-Seins

in dem Mütter Kinder entbinden,

ist der gleichzeitige Beitrag von Müttern

an alle Menschen dieser Welt,

die in der Wahrnehmung ihrer natürlichen Bedeutung

ihr Kindsein von sich entbinden.

 

Jedes Kind, dem ich begegne erinnert mich daran,

dass mein Kindsein und sein Kindsein

den Frieden in die Welt bringt,

der höher und tiefer ist als alle Vernunft.   

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Erinnern oder Hoffen

20. Januar 2013

Erinnern oder Hoffen

 

Kannst Du Dich erinnern an den letzten großen Schmerz

oder das letzte große Glück?

Spürst Du Deine Hoffnung auf die nächste Vermeidung von Schmerz

oder das nächste Erreichen von Glück?

Und wann hast Du Schmerz und Glück am stärksten erlebt,

beim Erinnern oder beim Hoffen?

 

Viele Menschen lassen sich von der Vergangenheit bestimmen.

Weil ihr Lebensschiff in einen Sturm geraten war,

dümpeln sie jetzt lieber im seichten Küstengewässer.

 

Andere liegen bereits im sicheren Hafen,

polieren die Planken und lassen die Segel vergammeln.

Oder warten auf einen Steuermann für die Hafenrundfahrt.

 

Aber –

Schiffe werden nicht für Häfen gebaut !!!

Das Leben ist draußen – auf dem offenen Meer.

Gelebtes Leben

mit seiner ganzen, intensiven, einzigartigen Lebendigkeit,

gibt es nur mit Sturm und Stille, mit Schmerz und Glück.

 

Schmerz und Glück

sind weder beim Erinnern noch beim Hoffen am stärksten erlebbar

sondern in dem Augenblick, in dem sie geschehen.

 

Schmerz anzustreben – um sich intensiver zu erleben,

wäre wahnsinnig.

Schmerz im sicheren Hafen zu vermeiden,

hieße Rosten bis zur Verschrottung.

Glück zu erwarten hieße – wie der Lottospieler –

in Mangelgefühl und Unzufriedenheit zu kleben

und auf bessere Zeiten zu hoffen.

Glück im sichern Hafen zu vermeiden

ist eingebildete Zufriedenheit im halbtoten Dümpeln.

 

Was bleibt?

Es bleibt die gewaltige Fülle des Augenblicks

auf der Fahrt über das offene Meer.

In diesem Augenblick Deines Lebens

gibt es Schmerz und Glück,

Sturm und Stille.

 

Willst Du Dein wahres Selbst verwirklichen?

Dann lebe Dein augenblickliches Sein.

Mit allem, was dazu gehört.

Halte Deine Segel in den Wind.

Und lass Dich vom Wind führen.

Es ist Deine einzigartige Fahrrinne.

Nur darin bist Du bemerkenswert.

Und bedeutend.

Lausche auf Sturm und Wind,

sie spielen Deine Melodie.

Sing Deine Melodie.

Dann stimmen andere ein

zu einem zwei-, drei-, oder vielstimmigem Chor.

Da ist der Sturm verwandelt

in sanftes, unaussprechliches Säuseln.

Und die Segel sind erfüllt

vom Frieden glückseligen Gleitens.   

Zuhause

13. Januar 2013

 

Zuhause

 

Was ist eigentlich mein Zuhause?

Wo ist es?

Und wer ist da?

 

Mein Zuhause ist ein Gartenhaus der Kunst.

Es ist schön dort.

Meine Bilder hängen dort.

Sanfte Musik erklingt.

Es ist meine Melodie.

Und es riecht gut dort.

Meine Blüten duften.

 

Ich bin so gern dort.

Komme zur Ruhe.

Kann dort spielen, tanzen, lachen, singen und wachsen.

Es ist ein Kindergartenhaus.

Ich bin froh dort.

Und brauche dafür keinen Grund.

Jemand ermutigt mich stolz zu sein

auf all das, was ich bin,

auf all das, was ich tue und lasse,

war, bin und werde.

Ich darf dort Kind sein.

Und wichtig sein.

 

Und ich darf Blume sein,

in meinem Kindergartenhaus.

Niemand kommt und düngt oder er – zieht mich,

damit ich besser wachse.

Aber da ist jemand,

der meine Knospen liebkost.

Jemand, der mit wortlos-geduldig-liebreizendem Blick

mich zum Wachsen ermutigt

und mich meine Kraftquellen finden lässt.

Jemand, der meine Fragen

mit Wohlwollen, Güte und Liebe beschützt.

Jemand, der mir einen Raum ermöglicht,

in dem ich in meinen Fragen und Zweifeln

eine Antwort erfahre und erkenne.

Jemand, der so sehr meine Zweideutigkeit liebt,

dass ich an meinen Widersprüchen nicht mehr leide.

Jemand, der mir Mut für mich macht,

damit ich andere ermutigen kann.

 

Meine Melodie erklingt in meinem Kindergartenhaus.

Ich schreibe sie auf und spiele sie vor.

Und lade andere zum Mitsingen ein.

Es ist die Melodie der Vergebung,

die weder mein Verzeihen erwartet

noch mein Enttäuschen verzeihen muss.

 

Mein Zuhause ist mein Herz.

Schön, dass ich da bin.

Und schön, dass es mich gibt.

 

Nachher gleich will ich mich besuchen.

Da erfahre ich mein Angenommensein.

Dann bin ich ganz bei mir und ganz bei dir.

Und muss auch ganz alleine

nie mehr einsam sein.

 

Bin immer ganz zuhaus´

bei mir und meinem Leben,

denn nur wer ein Zuhause hat,

kann ein Zuhause geben.