Opferstories

Opferstories

 

Dummerweise lief das Radio.

Ich wollte doch nur den Wetterbericht hören.

Stattdessen Nachrichten,

überall Not und Elend.

Unzählige Opfer:

Türkische Polizei stürmt den Gezi-Park – hunderte Verletzte.

Weiterhin Krieg in Syrien.

Nordkorea besteht auf atomarer Rüstung.

Die Toten Hosen spielen beim Hessentag.

Jupp Heynckes hört auf.

Ein Tief über dem Atlantik.

 

Ich denke nach über all das Leid

und die vielen Opfer.

Verletzte Demonstranten

und gekränkte Fußballfans.

Wie soll das weitergehen – ohne Jupp ?

 

Und wer sieht mein Leid ???

Keiner holt Brötchen.

Der Kontostand ist bedrohlich.

Ich muss noch Rasen mähen.

Lauter Pflichten und Termine.

Kummer und Sorgen.

 

I C H  bin das Ofer !!!

 

Da – auf einmal –

irgendetwas löst meine Verkrümmung.

Mein stierer Blick auf den leeren Tisch vor mir

öffnet sich:

Meine Komplizin bringt duftenden Kaffee.

Vor mir das Foto meines Enkels mit seinen Eltern.

Meine Hummel summt vor dem Fenster.

Der alte Schoko-Nikolaus im Regal

schielt um die Ecke und lächelt mich an.

 

Ich muss innerlich lächeln.

Dann kommen 17 Muskeln in Bewegung

und zaubern ein Lächeln auf mein Gesicht.

Da muss ich lachen

(das sind dann bereits 80 Muskeln).

Jeder dieser Muskeln sendet ein Signal

an meine Seele:

 

Ich bin kein Opfer.

Und niemand interessiert sich wirklich

für meine Opferstories.

Ich kann denken und fühlen.

Hab manchmal ein klein wenig Kummer und Sorgen

(wenig im Vergleich zu vielen anderen).

Und ich kann lachen und lächeln.

 

Und andere anstecken mit Lachen und Lächeln.

(die mögen das lieber als meine Opferstories).

 

Wenn ich nachdenke über das Leid in der Welt,

entsteht Mitgefühl.

Daraus wächst manchmal Empörung.

Und erste Ideen, etwas dagegen zu tun.

 

Wenn ich mich auf eigenen Kummer besinne,

genieße ich für eine Weile mein Selbstmitleid.

Dann schließe ich die Opferstoriekiste

und entwickle erste Entknotungen und Lösungen.

 

Und immer wieder,

wenn ich in Selbstfürsorge und Fürsorge

17 – 80 Muskeln in Gang bringe,

spüre ich die Lebenslust

meiner Komplizin, meines Enkels,

meiner Hummel und meines Schoko-Nikolauses.

Und meine,

die ich sowieso immer bei mir habe.

 

Dann lache ich mein Lächeln in die Welt.

Zusammen mit all dem, was das Leben

lebenswert macht:

Die Schönheit, die Wahrheit, das Gute,

das Miteinander, die Güte, die Liebe.

 

Niemand interessiert sich für meine Opferstories.

Ich will, dass das Leben für mich und andere

ein wenig schöner und leichter wird.

 

Und so lache ich mein Lächeln in die Welt.  

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: