Archive | Oktober 2013

Suchen oder Finden

Suchen oder Finden

Der große Siegmund Freud hat einst festgestellt,

(jedenfalls glaube ich,

es so oder ähnlich bei ihm gelesen zu haben)

dass das menschliche Denken, Fühlen und Tun

von zwei grundlegenden Haltungen motiviert ist:

Liebe und Angst.

Und ohne diesem großen Mann widersprechen zu wollen

wage ich es, eine für mich hilfreichere Unterscheidung

vorzuschlagen:

Die Liebe oder die Suche nach Liebe.

 

Immer dann,

wenn ich als Kind in den dunklen Keller musste,

um ein Glas Marmelade zu holen, hatte ich Angst.

In Wirklichkeit war ich auf der Suche nach Liebe:

Wer ist bei mir?

wer tröstet und beschützt mich?

Wer liebt mich so sehr, dass mir nichts geschehen kann?

 

Immer dann,

wenn ich in diesen Tagen meines Erwachsenseins

in einen Beziehungskonflikt gerate,

mit Vorwurf, Verurteilung, Verletzung,

Zurückweisung, Drohung und Isolierung,

habe ich Angst.

In Wirklichkeit bin ich auf der Suche nach Liebe:

Wer ist bei mir?

Wer ist der Partner, Verwandte, Freund oder Kollege,

der immer, trotzdem und trotz allem,

zu mir hält, zu mir steht

und mich so liebt, wie ich bin?

Wer tröstet und beschützt mich?

Wer liebt mich so sehr, dass mir nichts geschehen kann?

 

Immer dann,

wenn ich an die Zukunft denke,

an die Kriege, den Hunger, den Klimawandel,

an all die Entscheidungen, die ich zu treffen habe,

an all das, was ich noch erledigen muss,

habe ich Angst.

In Wirklichkeit bin ich auf der Suche nach Liebe:

Wer wird dann bei mir sein?

Was wird sein,

bei Erfolg und Scheitern, Gelingen und Versagen?

Wer wird bei allem und trotz allem zu mir halten?

Wer wird mich so lieben, dass mir nichts geschehen kann?

 

Was tun,

mit dieser schier unstillbaren Sehnsucht nach Liebe?

 

Die erste Antwort gibt mir der Herbst:

Wir haben beschlossen,

wenn wir „in die Pilze“ gehen,

wir gehen nicht mehr Pilze suchen,

wir gehen Pilze finden !

 

Wie das?

Wenn Du gierig und erfolgsgeil das Finden von Pilzen

erzwingen willst, findest Du keinen.

Aber wenn Du das Erzwingen loslässt,

Dich auf die Stille und Schönheit der Natur besinnst

und Dich ihr hingibst, ohne etwas zu wollen,

werden Dir die Pilze entgegen wachsen.

 

Und wenn Du das Erzwingen von Liebe loslässt,

wird sie sich in gewaltiger Sanftheit

bei Dir niederlassen.

 

Finden wirst Du, wenn Du nicht mehr suchst.

Finden ist realisieren, dass Du hast, was Du suchst

und verschenkst, was Du hast.

 

Wäre ich noch einmal das Kind,

das im dunklen Keller Marmelade holen soll,

ich würde mein Meerschweinchen mitnehmen.

Ich würde es trösten und beschützen

und würde ihm sagen,

dass ich es liebhabe

und dass es keine Angst haben muss.

 

Wenn ich in einem Beziehungskonflikt bin

und mich so sehr nach Geliebtwerden sehne,

dann nehme ich den anderen Menschen in den Blick,

nehme ihn so an, wie er ist,

mit allem und trotz allem.

Dann ist sie da die Liebe.

Ich muss sie weder suchen noch finden.

Ich verschenke einfach all die Liebe,

die ich immer und unter allen Umständen

in mir habe und bei mir trage.

 

Die Liebe, die sich so sehr danach sehnt,

dass sie sich ausdehnen darf,

von mir zu dem anderen.

 

Dann ist es nicht mehr meine Sehnsucht,

sondern das Sehnen der Liebe,

das ich berühren, bewegen und erfüllen darf.

 

Es ist diese Liebe,

die immer bei mir ist,

die mich tröstet und beschützt,

bei allem und trotz allem.

So, dass mir nichts geschehen kann.

So bin ich durch Trösten getröstet.

Und durch Lieben geliebt.

So bin ich nicht mehr beim Suchen und Finden

sondern beim Empfangen durch Geben.

Und alles ist gut. 

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Glücklich sein

Glücklich sein

Warum denn nur, warum,

sind wir manchmal so unglücklich?

 

Vielleicht deswegen:

Es scheint schon wieder keine Sonne,

warum denn nur immer am Wochenende?

Da liegt der Kontoauszug,

warum denn nur muss ich immer jeden Cent umdrehen?

Montag treffe ich wieder diese eine Kollegin,

warum denn nur muss die mich immer so bevormunden?

Ich werde wieder mein Bestes geben,

warum denn nur dankt es mir keiner genügend?

Wieder ein graues Haar,

warum denn nur ist die Freundin so schlank und schön?

Der Partner regt sich auf,

warum denn nur muss der immer Recht haben wollen?

Wieder die falschen Lottozahlen,

warum denn nur muss immer Ich Pech haben?

 

Ich könnte mich versuchen zu trösten:

 

1. Nicht alle Menschen sind schlank, reich und schön

und in glücklichen Beziehungen.

Aber das hilft mir nicht.

2. Wahrscheinlich gibt es in dieser Stunde

mehr sterbende Menschen als glückliche.

Aber das hilft mir nicht.

3. An diesem Wochenende gibt es 140 Millionen Lottospieler,

die nicht gewonnen haben.

Aber das hilft mir nicht.

 

Vielleicht hilft dies:

Manchmal habe ich Angst vor dem Glücklichsein.

Wie wäre das wohl, wenn ich glücklich wäre?

Ist es das, was ich wirklich will?

 

Wen oder was müsste ich dafür aufgeben,

für mein Glücklichsein?

Beziehungen beenden?

Auf Rechthaben verzichten?

Ent-Scheidungen treffen?

Träume begraben?

Zufrieden sein?

 

Vielleicht müsste ich dann das Leben leben,

das meinem wahren Wesen entspricht.

Manchmal habe ich Angst vor dem Glücklichsein.

 

Meistens entspricht mein Traum vom Glücklichsein

meinen vielen Ideen vom Glücklichwerden.

 

Stattdessen könnte ich aufhören zu träumen.

Immer dann,

wenn ich erträume, ersehne, wünsche, erwarte, fordere,

bin ich in dem Mangelzustand dessen,

dass ich nicht habe, was ich ersehne.

 

Und dann bekomme ich Angst vor dem Glücklichwerden

und all seinen Konsequenzen.

 

Für heute will ich es mal so probieren:

Ich trete ab,

als mein eigener Motivationstrainer.

Ich lasse alle Gedanken und Sehnsüchte fallen,

die mir zukünftiges Glück verheißen.

 

Ich schließe die Augen,

atme ein paarmal tief ein,

lasse mich von Gott in meine innere Mitte tragen

und spüre in mir das Leben,

das meinem wahren Wesen entspricht.

 

Und da breitet sich sanft

gewaltige Dankbarkeit und Demut aus:

Ich habe mehr als genug

von allem was ich brauche,

um das Leben zu leben,

das meinem wahren Wesen entspricht.

 

Ich habe Arbeit und Liebe.

Wunderbare Menschen um mich herum.

Ich bin schön so, wie ich bin.

Habe wunderbare Begabungen, Talente und Fähigkeiten.

Mit allem, was ich habe, kann und bin,

bin ich einzigartig auf der Welt.

Ich werde geliebt,

getragen, geführt und beschützt.

Und ich kann lieben,

tragen, führen und beschützen.

Ich liebe mich.

Und die, die mir anvertraut sind.

So entspricht mein Leben meinem wahren Wesen.

 

Ich will nicht mehr

dieses beängstigende glücklich werden wollen.

 

Ich liebe dieses sich ausdehnende Glücklichsein

des Glücklichseins,

in dem alles ist, was ist.

 

Und da ist sie,

die ganze Schönheit dieser Welt,

in mir und um mich herum.

Erfüllendes Glück von Gegenwärtigkeit.

Wahrgewordene Träume,

die nicht platzen, wenn sie sich erfüllen.

 

Es ist größer und tiefer als Zufriedenheit.

Es ist Glücklichsein,

in dem, was ist.

Und so, wie es ist.

 

 

 

 

Schuldlos

Schuldlos

Also gut, das wirst Du doch zugeben können:

Das wäre doch wunderbar,

wenn Du es jeden Tag spüren, wissen und erleben könntest,

welch ein großartiger, einzigartiger und wunderbarer

Mensch Du bist. Stimmt`s ?

Oder hast Du irgendeinen Gewinn davon

Dir selbst und Anderen zu glauben,

dass Du klein, dumm, lieblos und schuldig bist ?

Wie wär`s,

wenn Du nur mal für heute, diesen einen Satz,

zu dem sich die Heiligen Schriften verdichten,

glauben würdest: Du bist unschuldig.

Ja klar, manchmal bist Du verwirrt,

tust manchmal Dinge,

die Dir und dem Anderen weh tun,

aber: Du bist ohne Schuld.

Und der Andere auch.

Es ist nämlich wohl eher so:

Du tust Dir und dem Anderen deshalb weh,

weil Du denkst ! Du oder der Andere seien schuld, stimmt`s ?

Und dann gilt natürlich auch dies:

Solange Du denkst,

Du oder der Andere seien schuld,

wirst Du es wieder tun, das Wehtun.

Du denkst dann nämlich:

Jetzt hab ich genug gelitten an meiner Schuld

oder an der des Anderen,

jetzt bin ich mal wieder dran.

Und dann wirst Du es wieder tun, das Wehtun,

Dir und dem Anderen.

Eingebildete Schuld zwingt Dich offensichtlich,

das Wehtun zu wiederholen.

Und schon klingeln sie in meinen Ohren,

die Argumente von den Stamm- und Kaffeetischen:

Aber der Verbrecher muss doch bezahlen,

muss doch bestraft werden für seine Schuld,

es muss endlich Schluss sein,

mit dem Verständnisgesülze für Täter.

Nein, er muss nicht.

Wenn Schuldlosigkeit für Dich und mich gilt,

gilt sie auch für den Verbrecher.

Der Verbrecher muss weg gesperrt werden,

um die möglichen nächsten Opfer vor ihm zu beschützen.

Wenn wir ihn einsperren

UND

im Sinne der Heiligen Schriften

für unschuldig erklären,

wird er frei sein, sich neu zu besinnen.

Wenn wir ihn für schuldig erklären,

wird er es wieder tun (millionenfach bewiesen).

Wenn DU also Dich und einen Anderen

für schuldig erklärst,

werden Du und er es wieder tun.

Und wenn Du Dich und den Anderen

für unschuldig erklärst,

einsiehst, dass Ihr unschuldig SEID,

wirst Du wahre Klarheit erhalten für alles,

was zu tun und zu lassen ist.

Und wenn Du Dein Tun und Lassen

anschaust ohne Schuld,

wirst Du einfach nur die Verantwortung tragen wollen

für die Konsequenzen

aus Deinem Tun und Lassen.

Wenn Du Dich also in irgendwelchen Beziehungen befindest,

zu Eltern, Kindern, Kollegen, Freunden und Partnern,

die auf Schuld aufgebaut sind,

ist es besser, Du beendest sie.

Oder Du probierst in ihnen etwas Neues:

Du erkennst, dass das,

was Euch verbindet, nur zugedeckt ist,

von eingebildeter Schuld und Deiner Einbildung

über die Schuld des Anderen.

Dann nimmst Du sie einfach weg, die Einbildung

und stößt zu dem vor, was die Wahrheit ist:

Du und der Andere,

Ihr seid großartige, einzigartige und wunderbare Menschen,

deren Berufung und Bestimmung es ist,

anderen wohl zu tun.

Und dann wird man noch Jahrzehnte

nach Deinem Ableben sagen:

er/sie hat die Schuldlosigkeit geglaubt,

hat Verantwortung übernommen,

für sein/ihr Tun und Lassen,

hat Anderen wohl getan

und hat damit die Welt ein wenig schöner gemacht. 

Trotz allem Trost

Trotz allem Trost

 

Trotz all dem Schönen, Wahren und Gutem

in meinem Leben:

 

Es gibt doch immer wieder

diese schmerzhaften Augenblicke

von Einsamkeit, Angst und Sinnlosigkeit.

 

Alles so trübe.

 

Als stünde ich nach heißer Dusche

vor dem beschlagenen Spiegel.

 

Für den Moment erleichtert,

den Schmerz in meinem Gesicht

nicht anschauen zu müssen,

flüchte ich in

Ablenkung, Abschaltung und Abspaltung.

 

Das sind legitime Möglichkeiten der Entspannung

um kurz einzuatmen, Luft zu holen.

 

Und weiß doch genau:

dieses Einatmen

wird den Spiegel trübe belassen.

 

Also halte ich lieber Stand,

schaue in das Trübe hinein,

erkenne darin mein schmerzvolles Gesicht,

finde im Standhalten die Kraft

stand zu halten

und frage mich,

wer ich bin.

Ich, in all den Zusammenhängen,

in denen ich bin.

 

Da atme ich aus

und sehe mehr und mehr klar:

Das bin ich:

Der mit Einsamkeit, Angst und Sinnlosigkeit

ist auch der

mit all dem Wahren, Schönen und Guten.

 

Da wird mir Trost.

 

Und dieser eingeatmete Trost

macht mir ein Ausatmen,

das den Spiegel klar werden lässt.

 

 

Und ich erkenne darin einen Menschen,

der sich mag.

Mit allem mag.

 

Und ein Lächeln,

das sanft und liebevoll

den Schmerz

in Geborgenheit und Vertrauen hüllt.

 

Und da ich in meinem Gesicht wieder

Mut, Demut und Trost entdecke,

sehe ich neben meinem Gesicht

das Gesicht eines anderen Menschen,

der meines Trostes bedarf.

 

Und so,

indem ich tröste,

bin ich endlich

ganz getröstet.