Suchen oder Finden

Suchen oder Finden

Der große Siegmund Freud hat einst festgestellt,

(jedenfalls glaube ich,

es so oder ähnlich bei ihm gelesen zu haben)

dass das menschliche Denken, Fühlen und Tun

von zwei grundlegenden Haltungen motiviert ist:

Liebe und Angst.

Und ohne diesem großen Mann widersprechen zu wollen

wage ich es, eine für mich hilfreichere Unterscheidung

vorzuschlagen:

Die Liebe oder die Suche nach Liebe.

 

Immer dann,

wenn ich als Kind in den dunklen Keller musste,

um ein Glas Marmelade zu holen, hatte ich Angst.

In Wirklichkeit war ich auf der Suche nach Liebe:

Wer ist bei mir?

wer tröstet und beschützt mich?

Wer liebt mich so sehr, dass mir nichts geschehen kann?

 

Immer dann,

wenn ich in diesen Tagen meines Erwachsenseins

in einen Beziehungskonflikt gerate,

mit Vorwurf, Verurteilung, Verletzung,

Zurückweisung, Drohung und Isolierung,

habe ich Angst.

In Wirklichkeit bin ich auf der Suche nach Liebe:

Wer ist bei mir?

Wer ist der Partner, Verwandte, Freund oder Kollege,

der immer, trotzdem und trotz allem,

zu mir hält, zu mir steht

und mich so liebt, wie ich bin?

Wer tröstet und beschützt mich?

Wer liebt mich so sehr, dass mir nichts geschehen kann?

 

Immer dann,

wenn ich an die Zukunft denke,

an die Kriege, den Hunger, den Klimawandel,

an all die Entscheidungen, die ich zu treffen habe,

an all das, was ich noch erledigen muss,

habe ich Angst.

In Wirklichkeit bin ich auf der Suche nach Liebe:

Wer wird dann bei mir sein?

Was wird sein,

bei Erfolg und Scheitern, Gelingen und Versagen?

Wer wird bei allem und trotz allem zu mir halten?

Wer wird mich so lieben, dass mir nichts geschehen kann?

 

Was tun,

mit dieser schier unstillbaren Sehnsucht nach Liebe?

 

Die erste Antwort gibt mir der Herbst:

Wir haben beschlossen,

wenn wir „in die Pilze“ gehen,

wir gehen nicht mehr Pilze suchen,

wir gehen Pilze finden !

 

Wie das?

Wenn Du gierig und erfolgsgeil das Finden von Pilzen

erzwingen willst, findest Du keinen.

Aber wenn Du das Erzwingen loslässt,

Dich auf die Stille und Schönheit der Natur besinnst

und Dich ihr hingibst, ohne etwas zu wollen,

werden Dir die Pilze entgegen wachsen.

 

Und wenn Du das Erzwingen von Liebe loslässt,

wird sie sich in gewaltiger Sanftheit

bei Dir niederlassen.

 

Finden wirst Du, wenn Du nicht mehr suchst.

Finden ist realisieren, dass Du hast, was Du suchst

und verschenkst, was Du hast.

 

Wäre ich noch einmal das Kind,

das im dunklen Keller Marmelade holen soll,

ich würde mein Meerschweinchen mitnehmen.

Ich würde es trösten und beschützen

und würde ihm sagen,

dass ich es liebhabe

und dass es keine Angst haben muss.

 

Wenn ich in einem Beziehungskonflikt bin

und mich so sehr nach Geliebtwerden sehne,

dann nehme ich den anderen Menschen in den Blick,

nehme ihn so an, wie er ist,

mit allem und trotz allem.

Dann ist sie da die Liebe.

Ich muss sie weder suchen noch finden.

Ich verschenke einfach all die Liebe,

die ich immer und unter allen Umständen

in mir habe und bei mir trage.

 

Die Liebe, die sich so sehr danach sehnt,

dass sie sich ausdehnen darf,

von mir zu dem anderen.

 

Dann ist es nicht mehr meine Sehnsucht,

sondern das Sehnen der Liebe,

das ich berühren, bewegen und erfüllen darf.

 

Es ist diese Liebe,

die immer bei mir ist,

die mich tröstet und beschützt,

bei allem und trotz allem.

So, dass mir nichts geschehen kann.

So bin ich durch Trösten getröstet.

Und durch Lieben geliebt.

So bin ich nicht mehr beim Suchen und Finden

sondern beim Empfangen durch Geben.

Und alles ist gut. 

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