Archive | Januar 2014

Lebbe ged weider

Lebbe ged weider

Das war schon immer so.

Das ist so. Und das bleibt auch so.

„Lebbe ged weider“.

Diese millionenfach zitierte, tiefsinnige Erkenntnis

des Fußballtrainers Dragoslav Stepanovic

nach einer Niederlage seiner Frankfurter Eintracht,

hat nicht nur ewigen Bestand,

sie enthält auch die gewaltige Weisheit,

dass die Dinge in einem größeren Zusammenhang stehen.

Dass, was uns Menschen in tiefster Seele tröstet ist,

dass wir Sinn in Zusammenhängen erleben,

in kleinen und in großen.

Der Mensch

(also Wir – Du und Ich)

gehörte einst zu unterschiedlichen Gruppen von Schimpansen.

Die eine Gruppe starb aus, die andere blieb Schimpanse,

die dritte Gruppe begann aufrecht zu gehen.

Das war vor 5 Millionen Jahren.

(wahrscheinlich ist Schöpfung und Evolution dasselbe)

Lebbe ged weider.

Das war in Afrika.

Vor 30 Tausend Jahren beschlossen wir

Afrika zu verlassen und nach Europa zu gehen.

Wir wissen nicht,

was die anderen so gemacht haben,

aber unsere Ahnen – Juden und Muslime –

wurden von Gott aus Ägypten befreit,

vor 3000 Jahren.

Vorher hatte noch der Kain seinen Bruder Abel erschlagen.

Aber Gott wollte nicht, dass der Kain bestraft wird.

Das war die erste Auferstehungsgeschichte.

Und der Abel ?

Wenn es stimmt, dass es nicht nur im Diesseits Leben gibt,

sondern auch danach, gilt auch für den Abel:

Lebbe ged weider.

Viel passiert seitdem:

Glück, Frieden, Heilung, Liebe, Leben und Sinn.

Aber auch viele Katastrophen:

Unglück, Krieg, Krankheit, Hass, Tod und Sinnlosigkeit.

Irgendjemand im Mittelalter hat überlebt,

geliebt und hat Kinder gezeugt.

So kamen unsere Ur-Ur-Großeltern auf die Welt.

Und so sind Wir jetzt da.

Und leben.

Mehr oder weniger.

Lebbe ged weider.

Unsere Kinder,

die leiblichen und die beruflich anvertrauten,

werden bald Ur-Ur-Enkel haben.

Lebbe ged weider.

Alles steht in einem großen Zusammenhang.

Es ist wie ein gewaltiger Film in Überlänge.

Eine Szene davon ist mein Leben.

Ich kann dafür sorgen,

dass es eine gute Szene wird.

Eine mit Frieden, Liebe und Sinn.

Ich kann selbstverantwortlich dafür sorgen,

dass meine Filmszene mich und andere glücklich macht.

Und meinen Teil dazu beitragen,

dass meine Szene mich andere berührt und bewegt.

Meine Ahnen,

Neandertaler und homo erectus, Juden und Muslime,

Kain und Abel, Mittelaltler und Postmoderner,

Opa und Oma, Vater und Mutter,

haben mich hierher gebracht.

Und ich werde mal Ahne sein meiner Ur-Ur-Enkel.

Wie tröstlich, dass aller Sinn aus Zusammenhängen kommt.

Lebbe ged weider.

Wir wissen nicht,

wie der ganz große Film ausgeht,

obwohl jeder seinen wichtigen Beitrag dazu leisten darf,

aber:

wenn wir mal ein wenig Muße haben,

tief in unser Herz hinein zu hören,

finden wir da eine Ahnung voller Gewissheit:

Selbst wenn die Welt morgen aus den Angeln gerissen wird,

könnten wir heute noch einmal lieben, denn

Lebbe ged weider.

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Die Liebe

Die Liebe

Lass uns über die Liebe reden. Alle tun es.

Es gibt hunderttausende Erklärungsversuche, hier ist ein weiterer:

Erstens:

Falls Du ernsthaft glaubst, jemand bräuchte Deine Liebe,

Partner, Eltern, Kinder, Freunde – das musst Du nicht.

Alle diese Menschen tragen die Liebe Gottes in sich,

von Beginn an und für immer in sie eingepflanzt.

Das ist den Menschen manchmal nicht bewusst.

Der Verstand, der schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit

und Angst vor schlechten Erfahrungen in der Zukunft hat,

hat die Liebe, die da ist, zugedeckt.

Dann denkst Du manchmal,

Du müsstest diese Menschen heilen von ihren Ängsten,

sie erlösen von ihrer fehlenden Bewusstheit

für die Liebe, die sie in sich tragen.

Aber Du bist nicht ihr Heiler und Erlöser.

Zweitens:

Falls Du ernsthaft glaubst, Du bräuchtest jemandes Liebe,

die von Partnern, Eltern, Kindern, Freunden – das musst Du nicht.

Du trägst die Liebe Gottes in Dir,

von Beginn an und für immer in Dich eingepflanzt.

Das ist Dir manchmal nicht bewusst.

Dein Verstand, der schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit

und Angst vor schlechten Erfahrungen in der Zukunft hat,

hat die Liebe, die da ist, zugedeckt.

Dann denkst Du manchmal,

einer dieser Menschen müsste Dich heilen von Deinen Ängsten,

müsste Dich erlösen von Deiner fehlenden Bewusstheit

für die Liebe, die Du in Dir trägst.

Aber die anderen sind nicht Deine Heiler und Erlöser.

Wir reden viel über die Liebe.

Dann kommt sie aus dem Mund, der zum Kopf gehört,

ganz nahe beim Verstand.

Gut, dass das Herz keinen Mund und keine Ohren hat.

Oft, wenn wir „Ich liebe Dich“ sagen,

hat das mit Vergewisserung zu tun.

Wir hoffen dann auf so etwas wie „Ich Dich auch“.

Manchmal ist das Manipulation, Erpressung, Moraldruck oder Angst.

Das Herz braucht keinen Mund und keine Ohren.

Warum sagen Eltern fast nie zu ihren Kindern „Ich liebe Dich“?

Weil sie einfach da ist, die Liebe!

Herzen brauchen keine Münder und Ohren.

Und wenn Kinder zu ihren Eltern sagen „Ich liebe Dich“,

hat es oft mit der Angst zu tun, nicht genug geliebt zu werden.

Und das gilt auch für alle anderen Menschen.

Die Liebe muss nichts sagen und nichts hören,

nichts wünschen, nichts erwarten und nichts fordern.

Sie will einfach nur da sein dürfen.

Die Liebe ist wie der Schmetterling:

Da, wo es hell und warm ist, bleibt sie gern.

Einfach nur so.

Die Liebe hat mit Brauchen und Gebrauchtwerden nichts zu tun.

Da, wo es Brauchen und Gebrauchtwerden ist, ist es nicht Liebe.

Hier die gute Nachricht:

In dem Augenblick, in dem Dir bewusst wird,

dass Deine „Liebe“ mit Brauchen und Gebrauchtwerden zu tun hat,

wirst Du Dir Deiner selbst bewusst

und der Liebe, die Du in Dir trägst,

schon immer und für immer in Dich eingepflanzt.

In dem gleichen Augenblick

kannst Du Brauchen und Gebrauchtwerden sein lassen.

In dem gleichen Augenblick ist sie da, die Liebe.

Einfach so.

Sie wünscht nichts, erwartet nichts und fordert nichts.

Sie will einfach nur glücklich machen.

Das eigene Glück teilen. Will sich ausdehnen.

Wenn Du glücklich gemacht werden willst, ist es nicht Liebe.

Denn davon kannst Du nie genug bekommen.

Und dann wünschst Du wieder, erwartest und forderst.

Das macht den Schmerz des Mangels.

Und wenn es weh tut, ist es nicht Liebe.

Tatsächlich gibt es nur eins, was Dich zutiefst glücklich macht:

Glücklich machen.

Und siehe: Alles ist gut.

Darüber hinaus brauchst Du nichts.

Drittens: Anhang:

Es gibt noch den Sonderfall der Beziehungsliebe,

wenn zwei Menschen eine Verbindung eingehen.

Dabei musst Du mit Schmerzen rechnen. Garantiert.

Die beiden müssen miteinander und aneinander

das je eigene Wünschen, Erwarten und Fordern ausheilen.

Das kann sehr, sehr weh tun. Immer wieder.

Kann aber die Tür zur Liebe sein.

Und dann bleiben Funktion und Zweck der Beziehungsliebe:

Funktion der Beziehungsliebe:

Einander so glücklich zu machen,

dass die Liebe Gottes erfahrbar wird.

Zweck der Beziehungsliebe:

Gemeinsam andere so glücklich zu machen,

dass denen die Liebe Gottes erfahrbar wird.

Vergebung

Vergebung

Man wird ja wohl mal über Vergebung nachdenken dürfen.

Auch wenn man nicht fromm, gläubig oder religiös ist.

Man darf sogar über Vergebung nachdenken,

wenn ! man fromm, gläubig oder religiös ist.

Man braucht einen Grund für Vergebung.

Entweder Schuld – das kommt vom Strafrecht

und meint die Vorwerfbarkeit einer Straftat.

Oder Sünde – das kommt von Sund

und meint den Graben zwischen Gott und den Menschen.

Oder Schuld als Frage der Ethik,

dabei geht es um das Schuldigbleiben

der Bewahrung eines freien, würdevollen Lebens,

des eigenen und das eines anderen.

Recht einfach noch wirkt es bei der juristischen Schuld:

da muss jemand bestraft werden,

um die Chance zur Resozialisierung zu erhalten

(soweit die Theorie).

Etwas komplizierter ist es bei der Sünde.

Sünde ist eine Kategorie,

auf die die Kirchen angewiesen sind,

um ihre Machtstrukturen zu erhalten.

Folgt man den biblischen Texten, muss man erkennen,

dass es keinen „Sund“ gibt,

zwischen Gott und den Menschen:

Die Vergebung ist bereits erfolgt.

Der Mensch ist so unschuldig,

wie er geschaffen wurde

und ewig bleiben wird,

als Gottes geliebtes Kind.

Faktisch bleibt allein,

dass der Mensch irrt und Fehler macht.

Und dafür Verantwortung zu übernehmen hat.

Im Diesseits.

Muss er aber nicht.

Und wenn dies die Grundlage menschlicher Existenz ist,

wird es bei der Frage nach der ethischen Schuld

auf einmal ganz unkompliziert:

dann können wir das endlich sein lassen mit der Vergebung !

Selbst die Unfrommen, Ungläubigen und Unreligiösen

assoziieren merkwürdigerweise Vergebung immer

irgendwie mit Sünde und Schuldigbleiben.

Irgendwie sind sie doch alle kirchlich sozialisiert…

Und das kommt dabei heraus:

Immer dann, wenn wir Vergebung erbitten oder gewähren,

brauchen wir jemanden, der sündig oder schuldig ist,

wir selbst – oder der andere.

Entweder Ich mache etwas falsch,

dann fühle ich mich schuldig.

Danach bitte ich um Vergebung –

und dann fühle mich doppelt schuldig.

Oder ich werfe jemandem einen Fehler vor,

dann fühlt der sich schuldig.

Danach gewähre ich ihm Vergebung

(welch eine unglaubliche Anmaßung)

Und dann fühlt der sich doppelt schuldig.

Und Ich?

Der, der etwas falsch gemacht hat

und sich schuldig fühlt

Und der dann großherzig Vergebung angeboten bekommen hat

und sich jetzt doppelt schuldig fühlt…

Ich werde mich jetzt in mein Schneckenhaus zurückziehen

Und mich dort dreifach schuldig fühlen.

Wir sollten das sein lassen,

das mit diesem Fluch der Vergebung.

Stattdessen könnten wir dies sagen:

„Es tut mir Leid, dass ich Dich verletzt habe.

In diesem Moment konnte ich es nicht besser.

Lass uns darüber reden.

Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg,

damit es beim nächsten Mal besser wird.“

Und Vergebung?

Vergebung ist weder moralische Erpressung

noch Befriedigung von Rachegefühlen,

noch abgrundtiefe Arroganz.

Sie ist die Grundhaltung eines Menschen,

der sich seiner Unschuld bewusst ist,

der Fehler macht und irrt.

Und dafür die Konsequenzen trägt.

Vergebung ist die Grundhaltung,

mit der ich ohne Groll gegen mich und andere,

Fehler machen darf.

Vergebung anbieten ist womöglich

der hochmütigste Hochmut,

den Menschen gegenüber Menschen haben können.

Vergebung als eigene Grundhaltung

für das Erleben des eigenen Lebens ist womöglich

die gelassene Heiterkeit,

die mir und anderen ermöglicht,

Fehler zu machen,

diese wieder gut zu machen

und aus der Welt zu räumen

um dann gemeinsam

froh machende Handlungsalternativen

zu entwickeln

und zu verwirklichen.

Nähe riskieren

Nähe riskieren

Weihnachten und Silvester sind Geschichte.

2013 ist geschehen, erlebt, genossen und durchlitten.

Bald kommt Fasching, Geburtstag, Ostern, Sommerurlaub,

Arbeit und Liebe, Herbst, Weihnachten und Silvester.

Alles wird bald schon wieder Geschichte sein.

Auch das Hamsterrad.

Wenn wir zurück blicken,

gab es Zufriedenheit, Hoffnung Glückseligkeit, Ekstase,

Traurigkeit, Angst, Leid, Verzweiflung

und grau-trübes Dahinplätschern.

Hat sich das alles gelohnt?

Und wenn ja, wofür?

Wunden sind geblieben.

Und Narben.

Und ich will uns nicht einladen,

unsere Wunden zu lecken,

dadurch würden sie offen bleiben.

Sie sind zum größten Teil über – wunden.

Um später zu Narben zu werden.

Ich will uns viel eher einladen,

unsere Wunden zu lieben

und sie bei der Vernarbung liebevoll zu begleiten.

Alle unsere Wunden haben zu tun mit

Entwicklung, Reifung, Selbstwerdung.

Mit Verbindung, Verbundenheit, Liebe und Nähe.

Liebe und Glück

gibt es grundsätzlich niemals allein

mit Verliebtheit und Glücklichsein.

Und wir müssen sie nicht suchen und provozieren

unsere Wunden,

nur um Verbundenheit, Liebe und Nähe

erleben zu können.

Sie widerfahren uns und werden uns geschenkt.

Warum aber nur, ist der Preis so hoch?

Kann der Mensch nicht ganz einfach mal

ganz einfach glücklich sein?

Und liebevolle Nähe genießen,

ganz kostenlos?

Nein, kann er nicht.

Und das ist wohl auch gut so.

Viele Menschen wechseln die Beziehung

in dem Moment, in dem Nähe entsteht,

weil sie Angst haben,

dass sie sich selbst in der Nähe verlieren.

Und ahnen nicht,

dass sie sich selbst

nur in der Nähe zu einem anderen Menschen

finden können.

Und sehnen sich zutiefst danach.

Nähe heißt:

Ich trete aus mir heraus (Ekstase)

und lasse einen anderen hinein.

Da geschieht etwas,

dass wir kaum ertragen können.

Aber allein die Bereitschaft,

diese Sehnsucht stillen zu wollen,

verwandelt die Angst vor dem Bohren in Wunden

in das liebevolle Berühren und Verwandeln von Wunden

auf dem Weg zur Vernarbung.

Wunden und Schmerzen die geliebt,

statt gepflegt und geleckt werden

befreien uns davon,

andere Menschen mit ihnen zu verletzen.

Ich ahne:

Mich zu öffnen, aus mir heraus zu treten,

mich zu verschenken und hinzugeben,

ist die wohl einzige Tür zum Erleben von Liebe.

Wie all das in der Realität funktioniert,

was ich da ahne, weiß ich nicht.

Aber ich habe ein herzerfrischendes Misstrauen

gegen mich selbst, immer dann

wenn ich versuche, einen guten Eindruck zu machen.