Vergebung

Vergebung

Man wird ja wohl mal über Vergebung nachdenken dürfen.

Auch wenn man nicht fromm, gläubig oder religiös ist.

Man darf sogar über Vergebung nachdenken,

wenn ! man fromm, gläubig oder religiös ist.

Man braucht einen Grund für Vergebung.

Entweder Schuld – das kommt vom Strafrecht

und meint die Vorwerfbarkeit einer Straftat.

Oder Sünde – das kommt von Sund

und meint den Graben zwischen Gott und den Menschen.

Oder Schuld als Frage der Ethik,

dabei geht es um das Schuldigbleiben

der Bewahrung eines freien, würdevollen Lebens,

des eigenen und das eines anderen.

Recht einfach noch wirkt es bei der juristischen Schuld:

da muss jemand bestraft werden,

um die Chance zur Resozialisierung zu erhalten

(soweit die Theorie).

Etwas komplizierter ist es bei der Sünde.

Sünde ist eine Kategorie,

auf die die Kirchen angewiesen sind,

um ihre Machtstrukturen zu erhalten.

Folgt man den biblischen Texten, muss man erkennen,

dass es keinen „Sund“ gibt,

zwischen Gott und den Menschen:

Die Vergebung ist bereits erfolgt.

Der Mensch ist so unschuldig,

wie er geschaffen wurde

und ewig bleiben wird,

als Gottes geliebtes Kind.

Faktisch bleibt allein,

dass der Mensch irrt und Fehler macht.

Und dafür Verantwortung zu übernehmen hat.

Im Diesseits.

Muss er aber nicht.

Und wenn dies die Grundlage menschlicher Existenz ist,

wird es bei der Frage nach der ethischen Schuld

auf einmal ganz unkompliziert:

dann können wir das endlich sein lassen mit der Vergebung !

Selbst die Unfrommen, Ungläubigen und Unreligiösen

assoziieren merkwürdigerweise Vergebung immer

irgendwie mit Sünde und Schuldigbleiben.

Irgendwie sind sie doch alle kirchlich sozialisiert…

Und das kommt dabei heraus:

Immer dann, wenn wir Vergebung erbitten oder gewähren,

brauchen wir jemanden, der sündig oder schuldig ist,

wir selbst – oder der andere.

Entweder Ich mache etwas falsch,

dann fühle ich mich schuldig.

Danach bitte ich um Vergebung –

und dann fühle mich doppelt schuldig.

Oder ich werfe jemandem einen Fehler vor,

dann fühlt der sich schuldig.

Danach gewähre ich ihm Vergebung

(welch eine unglaubliche Anmaßung)

Und dann fühlt der sich doppelt schuldig.

Und Ich?

Der, der etwas falsch gemacht hat

und sich schuldig fühlt

Und der dann großherzig Vergebung angeboten bekommen hat

und sich jetzt doppelt schuldig fühlt…

Ich werde mich jetzt in mein Schneckenhaus zurückziehen

Und mich dort dreifach schuldig fühlen.

Wir sollten das sein lassen,

das mit diesem Fluch der Vergebung.

Stattdessen könnten wir dies sagen:

„Es tut mir Leid, dass ich Dich verletzt habe.

In diesem Moment konnte ich es nicht besser.

Lass uns darüber reden.

Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg,

damit es beim nächsten Mal besser wird.“

Und Vergebung?

Vergebung ist weder moralische Erpressung

noch Befriedigung von Rachegefühlen,

noch abgrundtiefe Arroganz.

Sie ist die Grundhaltung eines Menschen,

der sich seiner Unschuld bewusst ist,

der Fehler macht und irrt.

Und dafür die Konsequenzen trägt.

Vergebung ist die Grundhaltung,

mit der ich ohne Groll gegen mich und andere,

Fehler machen darf.

Vergebung anbieten ist womöglich

der hochmütigste Hochmut,

den Menschen gegenüber Menschen haben können.

Vergebung als eigene Grundhaltung

für das Erleben des eigenen Lebens ist womöglich

die gelassene Heiterkeit,

die mir und anderen ermöglicht,

Fehler zu machen,

diese wieder gut zu machen

und aus der Welt zu räumen

um dann gemeinsam

froh machende Handlungsalternativen

zu entwickeln

und zu verwirklichen.

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