Habenwollen

Habenwollen

                                                                                        Es gibt zwei besonders starke Gründe für Angst:

Ich verliere, was ich habe

   Ich bekommen nicht, was ich haben will.

 

Diese Ängste beziehen sich auf

Freiheit, Frieden, Liebe und Glück.

Und auf Wohlstand.

Klammheimlich meistens am meisten auf Wohlstand.

Auf Geld also.

Was aber ist Geld?

Zunächst einmal ein buntes Papier mit einer Zahl (Geldschein).

Wie viele von diesen bunten Papieren ich habe

oder haben könnte oder nicht habe,

steht auf einem anderen Papier mit Zahlen (Kontoauszug).

Manchmal schickt mir jemand ein Papier mit Zahlen,

und bittet mich freundlich, ihm ein paar meiner bunten Papiere

abzugeben (Rechnung).

Und manchmal werde ich etwas weniger freundlich gebeten,

viele meiner bunten Papiere für mein Land zu geben

(Steuererklärung).

Die meisten meiner schönen, bunten Papiere sehe ich gar nicht,

die flutschen irgendwie durch Kabel und Leitungen.

Und irgendwie habe ich immer zu wenig

von diesen schönen, bunten Papieren.

Dann bin ich ganz unglücklich.

Stattdessen arbeite ich.

Schreibe Sonntagsgedanken.

Und niemand gibt mir dafür ein buntes Papier.

Wo ich doch so gerne ganz viele

 von diesen schönen, bunten Papieren hätte,

die immer durch Kabel und Leitungen wegflutschen.

Manchmal habe ich ein buntes Papier in der Tasche.

Dann kaufe ich mir ein Brot.

Das esse ich dann.

Und dann bin ich ganz glücklich.

Weil ich satt bin.

Da sehe ich auf einmal,

dass die Wolken auseinander gehen

und die Sonne hindurch kommt.

Ich spüre das Brot in meinem Bauch.

Und die Kleidung auf der Haut.

Und die Menschen, die ich liebe.

Und die Arbeit, die ich tun darf.

Da sind sie auf einmal weg, die Ängste

vor dem Verlieren und Nicht-Bekommen.

Und da dämmert es mir

mitten hinein in die leuchtende Sonne:

Was soll ich bloß

mit noch mehr bunten Papieren?

Offensichtlich habe ich genau so viele, wie ich brauche,

bin ich genau der, der ich bin und der ich werde.

Offensichtlich kommen Freiheit, Frieden, Liebe und Glück

und Wohlstand,

gar nicht von den bunten Papieren.

Oder dem Traum von noch mehr bunten Papieren.

Offensichtlich kommen

Freiheit, Frieden, Liebe, Glück und Wohlstand

von Brot, Kleidung, Begegnung und Arbeit.

Wenn mir jemand ein paar bunte Papiere

für meine Sonntagsgedanken geben würde,

würde ich nicht mit ihm schimpfen.

Und wenn jemand zu den Sonntagsgedanken

noch ein paar bunte Papiere dazu bekommen möchte,

würde ich sie ihm geben.

Ich hab genug davon.

Ich habe immer so viele davon, wie ich brauche.

Das war immer so, ist so, wird so sein.

Ich bin vollkommen glücklich

mit dem, was ich habe und mit dem, der ich bin.

Meistens.

Und falls mal nicht,

will ich mich an diese Sonntagsgedanken erinnern.

Da dämmert es mir noch einmal

mitten hinein in die leuchtende Sonne:

Wer immer mehr Habenwollen haben will,

wird wohl das immer mehr Habenwollen haben müssen.

Und wer das immer mehr Habenwollen nicht haben will,

wird auch das immer mehr Habenwollen

nicht haben müssen.

Das geht gern auch noch spitzer:

Wer nichts weiter als Geld verdient,

hat nichts weiter als Geld verdient.

Ich könnt` grade mal einen Flieger basteln

aus einem bunten Papier.

Mal schauen, wo der hin fliegt.

 

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