Archive | Juni 2014

Fuffziger

Fuffziger

 

Stell Dir vor, Du Mensch,

Du bist ein Fuffziger,

ein 50-Euro-Schein.

 

Du bist schon durch viele Hände gegangen,

hast schon neben vielen anderen Scheinen

gesteckt oder gelegen.

 

Du hast schon viel erlebt,

hast Freude gemacht

und Schmerzen bereitet.

Bist verloren gegangen und gefunden worden.

 

Du hast Räume geöffnet

und Geschäfte erledigt.

Für Augenblicke

warst Du der ganze Ozean,

für andere der Tropfen auf den heißen Stein.

Oft warst Du das Zünglein an der Waage.

 

Du warst verehrt wie ein Juwel

und missachtet wie ein halbes Cent-Stück.

 

Man hat Dich geküsst und liebkost,

zerknüllt und getreten.

 

Du warst der Grund einer Vision,

das Medium einer Illusion,

die Hoffnung in der Dürre,

das Ende aller Träume.

 

Du hast Zinsen gebracht

und Entwertung provoziert.

 

Jetzt blickst Du zurück auf Dein Leben:

Du bist alt, faltig, beschmiert und eingerissen.

Gezeichnet von Ignoranz, Enttäuschung, Wut

und Schuldgefühlen.

In den tiefen Gräben Deiner Falten

die Kloake Deines Versagens,

Deines Scheitern und Deiner Wertlosigkeit.

 

Beim Blick in den Spiegel

die riesigen Balken des Kreuzes

angeordnet zu einem Fragezeichen:

Woher, Wozu, Wohin ???

 

Und noch während Du

von Tränen fast blind,

im Spiegel,

einen hellen Punkt

inmitten der Ruinen Deiner Angst fixierst,

hörst Du das sanfte Säuseln der Druckerpresse.

Das Hauchen dieser Gnade,

die Dich mit Druck-Wehen ins Leben gepresst hat.

 

Und da erkennst Du verschwommen

in diesem einen hellen Punkt

Deinen unauslöschbaren Stempel:

 

50

 

50 !!! – unauslöschbar.

DEIN unauslöschbarer Wert.

Von Beginn an.

Für immer.

Ganz egal, wie faltig Du bist,

egal wie tief Deine Gräben sind

und wie oft Du geknüllt und getreten wurdest.

 

Deine Zinsen, die Du gebracht hast sind unendlich größer

als die Rate der Inflation

und die Versuche Deiner Entwertung.

 

Im Trocknen der Tränen

wächst Dir die Demut der Dankbarkeit

für all die Momente,

die Dich an Dir haben zweifeln lassen.

 

Da geschieht das Wunder der Erfüllung,

in dem Du Dich selbst verausgaben möchtest

in unzähligen Gaben an die,

die ihren eigenen Wert

aus dem Blick verloren haben.

 

Das Wunder,

das Dir zudem immer wieder Lust macht,

Dich nicht mehr nur

aufteilend zu verschenken,

sondern Dich für Augenblicke ganz hinzugeben

an einen Menschen oder eine Aufgabe,

wissend,

dass der Augenblick,

in dem Du Dich ganz verschenkst,

niemals ein Opfer sein wird,

sondern der Augenblick,

in dem Dein Leben sich erfüllt.

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Vergleich

Vergleich

 

Deutschland – Ghana: 2 : 2

Ausgleich nach Ausgeglichenheit.

Beide Mannschaften gleich gut.

 

Der Mensch vergleicht gern.

Das ist vielleicht manchmal hilfreich.

Meistens nicht.

 

Wir vergleichen

Partner,

Kolleginnen,

Chefs,

Freunde,

Geschwister,

Länder,

Regierungen,

Religionen,

Tage,

Jahre,

Urlaube,

Kunstwerke,

Sonnenuntergänge,

Gedanken

Gefühle,

Düfte,

Überzeugungen

und vieles andere mehr.

 

Dabei benutzen wir häufig die Endung „er“

als Steigerungsform.

Dann ist etwas oder jemand

wichtiger, klüger, schöner, besser, liebevoller, etc.

 

Vielleicht hilft Vergleichen manchmal.

Meistens nicht.

 

Wenn etwas oder jemand jetzt

wichtiger, klüger, schöner, besser oder liebevoller ist,

wird der oder das in der Vergangenheit Erlebte abgewertet.

 

Und wenn der oder das Vorherige

wichtiger, klüger, schöner, besser oder liebevoller war,

wird der oder das Jetzige abgewertet.

 

Vielleicht müssen wir auch Mannschaften nicht vergleichen.

Ghana hat eine wunderbare Fußballmannschaft.

Deutschland auch.

Beide wollten an diesem Abend ein Tor mehr schießen.

 

Vielleicht sollten wir überhaupt nicht vergleichen.

Könnte doch sein,

dass das Vergleichen

sehr viel Leid in die Welt bringt:

der bessere Partner,

die bessere Religion,

die bessere Überzeugung.

 

Bei jedem Vergleich geschieht

Rechthaben,

Besserwissen,

Abwerten,

Urteilen,

Trennen statt verbinden.

 

Wenn mein Partner unabhängig ist von meinem Vergleich,

(mit einem anderen oder ihm selbst vor ein paar Jahren)

ist es mein Partner, mein geliebter Partner.

Und das wird sich auf mein Verhalten auswirken.

Und auf unsere Beziehung.

 

Wenn meine Religion nicht mehr die einzige und beste sein muss,

wird das weltweit Frieden stiften.

 

Wenn meine Überzeugung eine von vielen ist,

wird es Verbundenheit geben statt Trennung.

Da wird Frieden sein und Weite.

Da öffnen sich die Räume der Möglichkeiten.

 

Scheint so,

dass das Vergleichen viel Leid in die Welt bringt.

 

Ich verspreche,

dass ich nicht mehr vergleichen will.

Ich werde auch meine gehaltenen

und nicht gehaltenen Versprechen nicht vergleichen.

Das verspreche ich.

Und mein Versprechen ist unumstößlich.

Solange, bis ich es breche.

 

Zeichen setzen

Zeichen setzen

 

Ich würd`so gern ein Zeichen setzen.

Oder mehrere.

Für Putin oder Obama,

für Josef Blatter von der FIFA,

für Neymar, den brasilianischen Superstar.

 

Manche von den Sportskameraden

auf dem eckigen Grün

verdienen 1000,-€ in der Sekunde.

 

All denen, für die ich so gern ein Zeichen setzen würde,

denen geht es doch nur um Geld, Macht und Ruhm.

 

Dafür verlieren andere

alles, was sie haben.

Sogar das Leben.

 

Es wird wirklich Zeit,

Zeichen zu setzen.

Ich hätte da ein paar gute Ideen.

 

Meine Verachtung für die Reichen

und mein Mitgefühl für die Armen,

lässt mich ganz kreativ Pläne schmieden,

um Zeichen zu setzen.

 

Aber welches Zeichen nehme ich nur?

Anführungszeichen?

Ausrufezeichen?

Fragezeichen?

Doppelpunkt?

 

Die Fliege,

die schon seit zehn Minuten

meinen Kopf umkreist

und sich immer wieder auf meinem Gesicht

niederlässt um da herum zu krabbeln,

sie nervt unerträglich.

 

Ich könnte sie töten.

Habe gerade eine wichtige Aufgabe zu erledigen.

Wir sollen uns die Schöpfung

untertan machen.

Soll sie doch zurück in ihre Slums,

sonst töte ich sie.

 

Halt! Stop! Nein! So geht das nicht!

Ich bin doch ein guter Mensch.

Ich appelliere an mein Mitgefühl:

Die arme Fliege.

Was braucht sie wohl?

Hat sie Hunger?

Sucht sie Berührung, Aufmerksamkeit, Liebe?

 

Ach, Quatsch.

Sie ist ja wohl ein Geschöpf niederen Ranges.

Und ich muss mich auf meine wichtige Aufgabe

 

Und so verharre ich lieber

in meinem selbstverliebten, wohlhabenden,

gierig machtgeilen Rassismus.

Inklusive Mitgefühl.

 

Da wird mir klar:

 

Armut, Krankheit, Hilflosigkeit und Angst

geht mir genauso auf die Nerven,

wie Reichtum, Gier, Macht und Ruhm.

 

Alles zusammen jeweils Anteile

von Putin, Obama, Blatter, Neymar und mir.

 

Und ich will nicht mehr,

dass Licht und Schatten

unentwegt in mir miteinander kämpfen.

Beide gehören zu mir.

 

Das habe ich heute Morgen

von meiner Fliege gelernt:

 

Ich darf hilflos sein mit Dingen,

die ich nicht ertrage.

 

UND Mitgefühl haben.

 

Jetzt muss ich lächeln

beim Kitzeln meiner Fliege.

Ich gebe ihr, was sie braucht.

Dann gehe ich wieder an meine Aufgabe.

 

Ich setze ein Zeichen.

Einen Bindestrich.

Wir sind verbunden.

Es ist ein Verbindestrich.

Ich verbinde das Bedürfnis der Fliege mit meinem.

 

Und da spüre ich die Not der Reichen. Meine Not:

Ich kann die Not der Armen und der Reichen

manchmal nicht mehr spüren.

sonntags

sonntags

 

Immer wieder sonntags…

kommt manchmal eine so merkwürdige Leere…

 

Was könnte ich tun,

denken, fühlen, lesen, schreiben, unternehmen ???

 

Erst wollte ich unbedingt raus aus dem Hamsterrad.

Dann sitze ich da vor dem Hamsterrad

und bin ganz unzufrieden.

Also suche ich mir ein neues Hamsterrad

für den Sonntag.

Oder freue mich auf Montag.

 

Ooooh, morgen, Montag, noch ein Feiertag…

 

Da fällt mein Blick auf die Pfingstrosen,

die auf dem Boden in einer Glasvase stehen.

Welch ein Anblick.

Welch ein Duft.

Ich knie mich hin zu ihnen.

Nehme eine Blüte zärtlich in meine Hand,

wie den Kopf einer kleinen Katze

und spüre schnuppernd

die Weichheit ihrer Blätter.

 

Da geschieht das Geheimnis,

das ich nicht erklären kann:

 

Die befürchtete Leere dieses Augenblicks,

ist prallvoll mit Leben,

meinem Leben und dem der Pfingstrose..

 

Das Leben der Pfingstrose

und mein Leben

verbinden sich.

DAS ist mein Leben.

Prallvoll mit Leben.

 

Keine Gedanken und Gefühle.

Keine Erinnerungen, Hoffnungen, Befürchtungen.

Keine Sehnsucht nach Lieben und Geliebtwerden.

 

Einfach nur das prallvolle Leben

mit dem, was jetzt gerade ist,

die Pfingstrose und ich.

 

Keine Ansprüche.

An niemanden.

Auch nicht an mich.

Nicht einmal der, leer sein zu wollen.

Oder pralle Fülle haben zu wollen.

 

Einfach nur sein.

Das Leben schmecken.

Mit allen Sinnen.

Oder einem.

Einer genügt, um pralle Fülle zu erleben.

 

Verbunden mit der Pfingstrose.

Für diesen Augenblick verbunden

mit der ganzen Schöpfung.

 

Dieser eine Augenblick praller Fülle.

Ohne ihn festhalten zu wollen.

Vielleicht hat der nächste Augenblick

auch die ganze Fülle prallvollen Lebens.

 

Fast automatisch greift meine Hand zum Kaffee.

Aber angeregt durch die Erfahrung

mit der Pfingstrose,

halte ich kurz inne

und erlebe Duft und Geschmack des Kaffees

und in ihm die prallvolle Fülle

prallvollen Lebens.

Erlebe, wie der prallvolle Augenblick

sanft hinüber gleitet

zum nächsten prallvollen Augenblick.

 

Erfüllt von dankbarer Leidenschaft dafür

nichts zu wollen

und alles zu sein.

 

Das Geheimnis:

In diesem Augenblick,

in dem ich nichts will,

geschieht die Gnade dieses Geschenks:

Mitgefühl, Dienst, Verpflichtung

und Gestaltung der Schöpfung

mit ihren Menschen, Tieren und Pfingstrosen.

 

In meiner Hingabe an die Pfingstrose

ist in meinem Nichtstun alles getan.

 

In meiner Hingabe an die Leere des Nichtstuns,

die ich nicht mehr überwinden will,

geschieht die pralle Fülle meines prallvollen Lebens.

 

Und mit der Würdigung des prallvollen Lebens

meiner Pfingstrose

geschieht die Würdigung meines prallvollen Lebens

und der ganzen Schöpfung.

Wünsche

Wünsche

 

Ich wünsche Dir

ein schönes, leichtes, sorgenfreies Leben,

mit Erbschaft, Lottogewinn, frühzeitiger Rente,

Ruhm und Ehre.

Mit gesunden Zähnen, schmerzfreier Verdauung

und faltenfreier Traumfigur.

All das in einem Haus am Meer,

in herrlicher Natur

da, wo immer die Sonne scheint.

Mit riesigem Weinkeller

und einer Yacht am eigenen Steg.

Im Haus

eine immerwährend harmonische Partnerschaft

und eine herzallerliebste Schwiegermutter

als Haushaltshilfe.

Ein Leben in seiner ganzen Fülle,

365 Tage Hängematte.

365 Tage Dauerlächeln,

365 Tage zehn Stück Schwarzwälder Kirsch täglich,

(unser heutiges Brot gib uns täglich),

For ever young.

Und irdisch-himmlisches Leben auf ewig.

 

Außerdem wünsche ich Dir

ein anstrengendes Leben

mit Verletzungen, Kränkungen, Konflikten,

Rückschlägen, Niederlagen, Misserfolgen.

Mit dem Geld, das Du jetzt gerade hast.

In dem Haus, in dem Du jetzt gerade lebst.

Mit Sonne, Regen, Schnee und Gewitter.

Mit Lach- und Sorgenfalten

in einer streitbaren Partnerschaft.

Das Leben in seiner ganzen Fülle,

in dem Du Dich verantwortlich vorbereitest

auf ein angstfreies Sterben.

 

Die Spinne, die Du nach draußen bringst,

das Trinkwasser, das Du sparst

und das Kind, das Du erziehst,

sie bringen Dein Mitgefühl in die Welt.

Verantwortliches Mitgefühl,

das den Kosmos erwärmt,

Frieden in die Welt bringt

und Dich selbst so erfüllt,

dass Du nicht mehr immer mehr

nach oberflächlichem Glück streben möchtest.

 

Ich wünsche Dir von Herzen kein leichtes Leben.