Herbst

Herbst

Neulich in einer Kita habe ich ein Kind beobachtet,

das versucht hat,

die herunter gefallenen Herbstblätter wieder anzukleben.

Irgendwie hat das meiner Gefühlslage entsprochen.

Es tut so weh, Abschied zu nehmen.

Manche Menschen bringen die beste Freundin

bis zum Parkplatz vor dem Bahnhof.

Andere bis zum Haupteingang.

Wieder andere helfen der Freundin

einen guten Platz im Abteil zu finden.

Dann gibt es noch die Menschen, die weinend winken,

bis der Zug am Horizont verschwunden ist.

Sie sagen mir immer,

Abschiede würden Türen öffnen.

Aber es gibt diese Tage, da mag ich keine Türen.

Jedes Mal, wenn ich vor einer Türe stehe,

muss ich einen Raum verlassen

oder jemand lässt mich alleine zurück:

Partner verlassen meinen Beziehungsraum,

Kinder verlassen die Wohnung,

Dienstgeber wollen es ohne mich versuchen,

Vermieter zerstören meine Heimat.

Wenn ich das gemütliche Wohnzimmer verlasse,

erwartet mich im Bad ein Spiegelbild mit neuen Falten.

Es ist Herbst.

Meine Blätter fallen.

Keiner klebt sie mir wieder an.

Bald verlasse ich endgültig den Raum des Lebens.

Da bleibe ich lieber stehen, vor der Tür,

um bittere Tränen zu weinen.

Sie sagen mir immer,

meine gefallenen Blätter würden fruchtbaren Kompost bilden.

Aber in der Wirklichkeit

kommen immer mehr dieser fürsorglichen Nachbarn,

um mit ihrem Kompost meinen verwilderten Garten zu düngen.

Da bleibe ich lieber vor der Tür stehen,

um meine eigenen bitteren Tränen zu weinen.

Und manchmal,

wenn ich so da stehe, vor der Tür

und meinen Tränen freien Lauf lasse,

verfängt sich eine dieser Tränen

in einer dieser Falten neben meinem Mund

und ich nehme sie mit der Zunge auf.

Und da geschieht dann manchmal das Wunder:

Diese Träne ist so zuckersüß,

wie das süßeste Dessert nach einer wundervollen Mahlzeit.

Und da verstehe ich:

Die Bitterkeit meiner Tränen

kommt von meinen Gedanken über meine Tränen.

Von meiner Angst,

Von meinen Bewertungen und Verurteilungen.

Von meinem Besitzanspruch.

Davon, dass ich Menschen und Situationen

manipulieren will,

weil ich Vergangenes oder Bewährtes bewahren möchte,

die Wirklichkeit der Gegenwart bekämpfe

oder die Angst vor Veränderung nicht ertrage.

Ich ahne:

Die Wirklichkeit IST nicht bitter.

Meine Tränen SIND nicht bitter.

Es sind meine Gedanken

über die Wirklichkeit und meine Tränen.

Ich werde nicht mehr versuchen

abgefallene Blätter wieder anzukleben.

Ich werde lernen, den Duft des Komposts zu genießen,

aus dem das gute Neue wachsen will.

Es ist die süße Melancholie des Herbstes.

Wenn wir die Süße unserer Tränen schmecken,

sind wir auf dem Weg zu unserer inneren Mitte,

auf dem Weg zur Fülle des Hier und Jetzt.

Wir müssen die Tür nicht eintreten

und nicht in Lähmung vor ihr verharren.

Wenn wir unsere süßen Tränen loslassen spüren wir,

dass die innigste Form des Liebens das Loslassen ist.

Wir dürfen uns öffnen für den Herbst

mit seinen süßen Tränen.

Und wenn wir die vielen kleinen Abschiede

akzeptieren und liebevoll üben,

werden sich sanft schwebend Türen öffnen,

zu Räumen voller zauberhafter Schätze und Geschenke.

Und wenn wir all diese Geschenke auspacken,

wird auch der letzte süße Abschied

zu einem Neubeginn,

bei dem wir uns dann endgültig getragen wissen.

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