Erfüllt

Erfüllt

 

Nehmen wir an,

wir hätten nur noch dieses Jahr zu leben.

Das wären 39 Tage.

 

Da würde ich gern noch etwas Besonderes

erleben, erschaffen, erkennen.

Etwas Besonderes hinterlassen.

Etwas Großes bewirken.

Etwas in Ordnung bringen.

 

Auf jeden Fall aber 39 Tage lang

heiter, gelassen, glücklich und zufrieden sein.

 

Nein, das würde mir nicht genügen.

Ich würde gern in meinen letzten Tagen

ganz tief und umfassend erfüllt sein.

 

Wie geht das?

Was würde ich tun oder lassen?

 

Vielleicht sollte es mit Meer, Schnee, neuen Schuhen,

Ferrari, Champagner oder Pralinen zu tun haben ?

 

Vielleicht erfülle ich mir die Sehnsucht nach

Tanzen, Spielen, Feiern oder barfuß im Regen lachen ?

 

Vielleicht gönne ich mir endlich Ruhe

beim Spazieren, Meditieren, Fernsehen,

oder Lesen vor dem Mittagsschlaf ?

 

Vielleicht nehme ich mir mehr Zeit für

Partner, Kinder, Eltern oder Freunde ?

 

Ich glaube, ich würde in diesen 39 Tagen

ein paar Mal jemanden glücklich machen wollen

durch Mitfühlen, Verstehen, Helfen oder Trösten

(ohne Egoismus, Rechthaberei und Unachtsamkeit).

 

Auf jeden Fall würde ich gut darauf achten,

dass ich in diesen 39 Tagen

niemanden zum Weinen bringe.

 

Und ich wüsste ziemlich genau,

was ich sein lassen und nicht mehr tun würde:

zur Arbeit gehen, Steuern erklären,

Verträge und Versicherungen abschließen,

Faltencremes kaufen, Sommerreifen lagern,

Tapeten wechseln, Keller entmisten,

Putzen und Aufräumen.

 

So oder irgendwie anders

wäre ich vielleicht

heiter, gelassen, glücklich und zufrieden.

 

Aber ich will doch in meinen letzten 39 Tagen

ganz tief und umfassend erfüllt sein…

 

Was ist mit dem ganzen Druck von

Hinterlassen, Bewirken, Erschaffen, Erleben, Erkennen

und in Ordnung bringen ???

 

Da fällt mein Blick zur Garderobe,

dorthin, wo meine Jacke hängt.

Mein Herz beginnt, etwas schneller zu klopfen.

 

Ich will meine Arbeit beenden,

dann den Tisch aufräumen.

Dann nehme ich eine Packung Pralinen

und mein Telefon.

Und Brot für die Pferde.

Ich schaue dankbar zurück

auf all das Schwere und all das Schöne.

Am Telefon will ich jemandem

ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

Dann gehe ich mit einem guten Buch

zum Mittagsschlaf,

freue mich auf ein gutes Gespräch

und den Tatort.

 

Das fühlt sich

heiter, gelassen, glücklich und zufrieden an.

 

Wie eine gute Idee

für den ersten von 39 Tagen.

 

Und wenn ich da so hinein spüre

in mein heiter-gelassenes Glücklich- und Zufriedensein,

bin ich ganz erfüllt vom Erfülltsein.

 

Und will nicht mehr als das

erschaffen, erleben und erkennen,

hinterlassen, bewirken und in Ordnung bringen

als das,

was ich jetzt gerade erschaffe, erlebe und erkenne,

hinterlasse, bewirke und in Ordnung bringe.

 

Und spüre in Frieden,

wie Erfülltsein mich erfüllt.

Für weitere 3900 Tage ungefähr.

Oder diesen einen.

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