Charlie

Charlie

 

Das waren große Gefühle.

Viele Millionen Menschen

in Paris, anderen Großstädten und an den Bildschirmen

verbunden und vereint in Trauer

über die Opfer der Attentate vom 7. Januar

und im gemeinsamen Kampf

für den Erhalt von Presse- und Meinungsfreiheit.

 

Ich finde in mir

keinen einzigen Grund des Verständnisses

für solche abscheuliche Taten der Terroristen,

stattdessen finde ich in mir Gefühle von Hass, Rache und Angst.

Und erlebe,

wie diese Gefühle meine Seele verstören und aufwühlen.

 

Und so wage ich

ohne jegliches Verständnis

den Zugang über das Verstehen

(und spüre sogleich das hauchdünne Eis, auf dem ich gehe):

 

Vielleicht waren die Täter

geblendet und verblendet von verführerischen Führern,

vielleicht waren sie voller Hass, Rache und Angst.

 

So, wie ich jetzt ihnen gegenüber.

 

Wenn mein Gott, sein Prophet, der Sohn Gottes,

derart verunglimpft würden,

wie der Prophet des Islam in den Karikaturen von Charlie,

wäre ich verletzt und gekränkt.

Woher habe ich die Hemmschwelle,

diese Kränkung nicht mit Gewalt zu rächen ?

Bin ich besser sozialisiert, gebildeter, reflektierter, liebevoller,

sozialer, weniger gläubig oder einfach nur insgesamt besser ?

Oder hatte ich einfach nur mehr Glück ?

 

Gott sei Dank

gibt es hier Presse- und Meinungsfreiheit,

die Grundlage der Demokratie.

 

In dieser Meinungsfreiheit darf ich sagen:

Die Geschichte meiner Religion

ist durchzogen von Mord, Totschlag und Terror.

Und es gehört zu meiner Meinungsfreiheit,

mich vergleichen zu dürfen:

Ich habe unzählige Menschen

verunglimpft, verurteilt, verletzt und gekränkt,

vielleicht sogar ihre Seele getötet.

 

Der Preis der Presse-und Meinungsfreiheit ist hoch:

Die Judenverfolgung in meinem Land

begann mit Karikaturen über Juden.

Ich hätte damals gelacht über die Karikaturen,

hätte Judenwitze erzählt

und mich dann an der weiteren Judenverfolgung beteiligt.

 

Bis heute gibt es in meinem Land Zeitungen,

die Menschen durch Text und Bild

verunglimpfen, verletzen, kränken, verurteilen, isolieren

und in den Selbstmord treiben.

Und mit jeder meiner Zustimmungen

zu solchen Texten und Bildern,

mit jeder meiner Solidaritäten mit Hass, Rache und Angst

bin ich an der Verurteilung und Verfolgung beteiligt

und zerstöre andere Seelen. Und meine.

 

Die Pressefreiheit und meine Meinungsfreiheit

haben mich oftmals geblendet und verblendet.

Manchmal genieße ich sogar Hass und Rachegefühle.

Vielleicht um meine von anderen geschürte Angst

zu kompensieren, zu reduzieren oder zu heilen.

 

Nein, ich bin nicht Charlie.

Und ich bin gleichzeitig zutiefst dankbar

für Presse- und Meinungsfreiheit.

Ich kann diesen Widerspruch nicht auflösen.

 

Aber ich will lernen und üben

meine Verblendungen zu verstehen.

Ich will lernen und üben

niemanden zu verurteilen,

weder verblendete Islammisten,

noch verblendete Karikaturisten,

noch mich selbst.

 

Ich will die Taten verurteilen,

die der Terroristen,

die der Karikaturisten

und meine eigenen.

Damit es nicht wieder geschieht.

Aber nicht die Menschen !!!

Ich will die Menschen nicht verurteilen.

 

Ermordete, Angehörige, Mörder, Karikaturisten und ich,

wir werden gemeinsam in ewigem himmlischen Frieden ruhen.

 

Ich gebe zu:

Das ist ein Skandal.

Ja, die frohe Botschaft der Versöhnung ist ein Skandal.

Erstaunlich,

dass ein Skandal meine Seele ein klein wenig beruhigt.

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