Zwei in Eins

Zwei in Einem

 

Ich erinnere mich an die Tage des Unbehagens,

als ich morgens im Spiegel alles doppelt gesehen habe.

Das war ähnlich diesen Kipp-Figuren,

bei denen man in einer Zeichnung

entweder außen zwei Gesichter

oder innen eine Vase erkennen kann.

Manche Menschen sehen jeweils nur eine der Möglichkeiten,

bei anderen kippt es hin und her.

 

An den Tagen von Glück und Wohlbefinden

erkenne ich im Spiegelbild das Antlitz Gottes.

An den Tagen von Unglück und Missbefinden

erkenne ich im Spiegelbild die Fratze des Bösen.

 

Man hatte mich gelehrt,

ich bräuchte nur 17 kleine Gesichtsmuskeln aktivieren,

um mit autosuggestiver Psychohygiene

ein Lächeln zu erzwingen, das mit sofortiger Wirkung

Missbefinden in Wohlbefinden verwandelen würde.

 

Aber es sind diese Tage des Unbehagens,

an denen sich aus dem gut gemeinten Plan

eher ein Grinsen entwickelt,

das doch wieder an die Fratze erinnert.

 

Da ist wohl nichts zu machen:

Ich finde im Spiegelbild

Liebe und Hass,

Frieden und Krieg,

Mut und Feigheit,

Leben und Tod.

Gewaltige Kräfte von Gestaltung und Zerstörung

die miteinander ringen

und hin und her kippen.

Tiefgreifende Erfüllung im Tun des Guten

und beglückende Befriedigung beim Zufügen des Bösen.

Und es ist immer dasselbe Gesicht.

So, wie es immer derselbe Bergweg ist,

der gleichzeitig bergauf und bergab führt.

 

In meinem Gesicht ist immer beides:

das Antlitz Gottes

und die Fratze des Bösen.

 

Ich erkenne in meinem Gesicht

das Gesetz des Kippens

der Beiden in Einem

und finde darin Trost und Ruhe.

 

Das ganze Universum

ist in Gegensätzen geordnet,

mit der Gleichzeitigkeit von Gegensätzen.

 

Das Glas ist immer halbvoll und halbleer.

 

In jedem Bösen steckt das Gute.

In jedem Guten steckt das Böse.

Immer ist beides da,

immer die Zwei in Einem,

immer kippt es hin und her.

 

Getröstet und beruhigt

beginne ich das Kippen zu lieben.

 

Und bekomme gleichzeitig Angst vor all denen,

die Einseitigkeiten vertreten und verkaufen,

all die Politiker, Theologen und Pädagogen,

die ihre Wahrheit zur allgemeingültigen Wahrheit erheben.

 

Und im liebgewonnenen Hin-und Herkippen

der Zwei in Einem

erkenne ich in den gierigen Augen von Herrn Putin

und den abfallenden Mundwinkeln von Frau Merkel

die Sehnsucht und die Sorge,

die Hoffnung und die Verantwortung.

Und das Lächeln des Friedens

und der Liebe.

 

Wie aber

soll ich die Spannung der Gegensätze aushalten,

die Gegensätze in meinem Leben

und die in den Leben der anderen?

 

Da bleibt wohl nur die Liebe.

 

Ich entscheide mich für das Leben in Gegensätzen.

So versöhne ich mich mit meiner Fratze des Bösen,

nehme mich an, wie ich bin, mit allem.

Und höre auf, mich zu verurteilen.

 

Und in demselben Moment,

in dem aus der Versöhnung mit dem Bösen

meine Unschuld erwächst,

verwandelt sich mein Gesicht

zum Antlitz der Liebe,

die mich befreit,

niemanden mehr zu verurteilen.

 

Bis es wieder kippt.

Und ich zufrieden und versöhnt bin,

mit dem Zwei in Eins, dem Frieden der Gegensätze.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: