Daseinsfreude

Daseinsfreude

Ganz oben im Norden, will der Tourist sich

nach dem kürzesten Weg zum Meer erkundigen

und findet ein altes Paar auf der Sonnenbank

vor ihrem Bauernhaus sitzend.

Er denkt:

„Wer weiß? Ich sollte mein bestes Hochdeutsch bemühen!“

„Hääh ?“ antworten die beiden.

Da probiert es der Tourist

mit Englisch, Französisch und Spanisch.

Immer wieder nur „Hääh ?“

Der Tourist fährt genervt weiter.

Da sagt der Bauer zu seiner Frau:

„Hast Du das gesehen? Drei Fremdsprachen konnte der“.

Sagt seine Frau: „Und wat nützt ihm dat nu?“

Da haben wir über Jahrzehnte so viel Wissen erworben,

haben uns mehr oder weniger erziehen lassen,

sind zu eigenverantwortlichen und sozialen Wesen gereift,

haben uns gebildet, fortgebildet, drei Sprachen gelernt,

studieren die alten Philosophen,

meditieren die modernen Lebenshilferatgeber,

lesen die Sonntagsgedanken…

Und? Wat nützt uns dat nu?

Na gut,

wir wissen inzwischen, was gut ist und was böse,

was richtig ist und was falsch.

Die Würde ist unantastbar.

Töten sollst Du auch nicht unbedingt.

Aber Vater und Mutter ehren.

Du sollst Ehrfurcht haben vor dem Leben,

sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst,

sollst Kalorien zählen,

grade sitzen,

sollst Dich ein wenig bewegen,

weil nur in einem gesunden Körper

ein gesunder Geist wohnt,

sollst dankbar und zufrieden sein,

nicht so viel Rechthaben und Besserwissen,

sollst Deine Bestimmung leben,

Kinder nur auf den Po hauen und nicht verhüten,

nicht öffentlich in der Nase bohren,

Verschwörungstheorien misstrauen,

weniger rauchen,

das Glück in Deiner Mitte finden

und in der U-Bahn für Schwangere aufstehen.

Und vor allem Carpe diem,

Du sollst den Tag pflücken,

denn der Sinn des Lebens liegt im Augenblick.

Und all das mit innerer Ruhe

und in heiterer Gelassenheit.

Wir sollen authentisch sein,

in Übereinstimmung mit Denken, Fühlen und Handeln.

Aber ja, das wissen wir doch alles.

Und wat nützt uns dat nu?

Was uns noch fehlt ist,

dass dieser wunderschöne Hirnschmalz mit Grieben,

nun auch noch ins Herz tropft.

Dass all dies wunderbare, angelesene und erkannte Wissen.

nun nur noch der praktischen Umsetzung bedarf.

Der gefundene Sinn muss realisiert werden !!!

So einfach.

Bleibt nur ein kleines Problem:

Unsere Bequemlichkeit

hat es sich in ihrer alt bekannten Bequemlichkeit

bequem gemacht

und nutzt so

jede ihr sich bietende neue Bequemlichkeit,

um es sich wieder bequem zu machen.

Nach all den vielen Wünschen, Erwartungen, Anforderungen,

den ständigen Entscheidungen zwischen gut und böse,

richtig und falsch und nach dem was nützlich ist,

und der zwanghaften Suche nach dem, was glücklich macht,

gültig glücklich, dauernd glücklich und letztgültig glücklich…

Endlich in Ruhe Frieden zu finden,

um letztendlich im Frieden ruhen zu können…

Welch ein Stress.

Was bleibt?

Da sitze ich.

Ich bin da.

Ich atme.

Ich lebe.

Nichts ist zu tun.

Nichts zu lassen.

Ich bin einfach nur da.

Wunderbar.

Die reine Daseinsfreude.

Danach wird mir alles andere zu-fallen.

Oder auch nicht.

Gleich tue ich etwas. Oder auch nicht.

Ich bin da. Wunderbar.

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