Sonnenblume

Sonnenblume

Liebe Mama, lieber Papa, liebe Erzieherin,

okey, okey, ich bin manchmal bisschen anstrengend,

bis zu den Grenzen Eurer Erschöpfung.

Aber Ihr müsst halt auch bedenken:

Ich bin in Eure Erwachsenenwelt hinein geboren.

Am liebsten wäre mir eine Welt,

die ein Sandkasten ist, ein Elternbett, eine Blechtrommel,

ein Schaukelpferd oder ein Matschhaufen.

Dann müsste ich auch nicht so schwere Dinge lernen wie

Fremdsprachen, Sozialverhalten oder Selbstfürsorge.

Ihr freut Euch immer, wenn ich Fragen stelle,

die mit Eurer Erwachsenenwelt zu tun haben

und weil ich Euch lieb hab, geb´ ich mir ja auch Mühe.

In Wahrheit interessiert mich viel mehr:

Wie rutschig werden Fliesen, wenn das Waschbecken überläuft?

Wie fest muss man Kinder beißen, bis man Sieger ist?

Wie viele Salzstangen passen in den Mund?

Wie lange kann man weghören, wenn man gerufen wird?

(übrigens: wenn ich spiele, höre ich Euch wirklich nicht).

Und wenn ich die wesentlichen Fragen nicht beantwortet bekomme,

muss ich`s deswegen halt immer wieder probieren.

Und dann haltet Ihr mich irgendwann für auffällig

und geht mit mir zur Frühförderstelle.

Es gibt so viel Hektik, Stress, und Lärm in Eurer Welt.

Dabei gibt es so wunderschöne Musik wie:

der Klang des Marmeladenglases, das ich auf den Tisch haue,

das Schreien des kleinen Kollegen,

wenn ich mein Spielzeug zurück erobert habe,

das Schmatzen Eures Kusses.

Den ganzen Tag kämpfe ich um meine Freiheit,

mit der ich meine eigene, kleine, gute neue Welt

neugierig erobern will

(Ich mache übrigens jeden Tag 25 neue Erfahrungen,

könntet Ihr auch mal probieren)

Manchmal fühle ich mich ganz frei, wenn ich Euch was nach mache

und manchmal, wenn ich es ganz anders mache.

(und ich liebe Euch auch für Eure Regeln und Grenzsetzungen)

Und manchmal,

beim Schmatzen Eures Kusses,

fühl ich mich ganz unfrei, total verbunden und gebunden.

Und dann rast mein Herz vor Glück.

Und dieses Gefühl merk ich mir für mein ganzes Leben.

Ja, ja, ich weiß ja schon: das Leben ist ungerecht,

Du liebe Mama, lieber Papa, liebe Erzieherin.

Ihr seid die Hausherren, Ich der Gast.

Ihr dürft mich beherbergen und beschützen,

mir Freiraum geben und Geborgenheit

(offene Funktionsräume und geschlossene Morgenkreise).

Ihr lasst mich Fragen stellen

und manchmal lasst Ihr mich die Antwort selber finden.

Dafür hab ich als Gast aber auch

ganz, ganz schöne Gastgeschenke:

Euer Glück, Eure Bestimmung, Eure Erfüllung und mein Glück.

Und Eure Anstrengung bis zur Erschöpfung.

Und dann noch diese zweite große Anstrengung:

Ihr müsst Euch viel küssen,

damit Ich glücklich bin

(oder viel Teamentwicklung in der Kita machen).

Dann krieg ich von ganz allein ganz viel

Sozialkompetenz und Selbstfürsorge,

um mein eigenes Leben zu meistern.

Und dann kriegt auch Ihr den Himmel,

den Ich Euch gern zeigen will.

Also bitte: hört auf zu glauben, ich sei auffällig.

Unter allen meinen kleinen, süßen Auffälligkeiten

stecken süße kleine Zeichen der Kraft, der Gnade und des Segens:

Mein Durchsetzen und mein Nachgeben,

mein Ausbalancierung von Nähe und Distanz,

mein Bewahren und Verändern,

meine Fürsorge und Selbstfürsorge.

Manchmal bin ich

bissig wie ein Löwenzahn oder weich wie eine Butterblume,

schlau wie eine Fuchsie und empfindlich wie eine Primel,

heilend wie Kamille und zickig wie eine Brennessel,

versöhnlich wie eine Christrose und stachelig wie eine Distel.

Bitte Vergissmeinnicht, wenn ich ein Sauerampfer bin

und hab auch meine Neuröschen lieb.

Denn immer bin ich eine Sonnenblume !!!

Ich wende mich hin zu Deinem Licht.

Dann öffne ich mich und strahle Dich an.

Und dann leuchten wir gemeinsam hin zu einem anderen.

Und wenn Ihr das schön übt,

das Glücklichsein und Glücklichmachen,

dann weiß ich für mein ganzes Leben, wie das geht,

das Glücklichsein und Glücklichmachen.

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