Zweibeiner

Zweibeiner

Bei Janosch gibt es bei zwei Figuren den folgenden Dialog:

„Ich habe ein Bein verloren“.

„Was beschwerst Du Dich, Du hast ja noch ein zweites“.

Auf den ersten Blick sind wir aufgebracht und empört

über einen derartigen Zynismus.

Kurz darauf werden wir erinnert

an den Schmerz unserer eigenen Verluste:

ein geliebter Mensch ist gestorben,

eine Freundschaft ist zerbrochen,

ein Arbeitsplatz ist weggefallen,

eine Heimat ging verloren,

ein Partner hat sich getrennt.

Voller Schmerz, Leid und Verzweiflung

bricht uns das Herz.

Zunächst versuchen wir den unerträglichen Verlust

zu leugnen oder von ihm abzulenken.

Wir bekommen Angst vor falschem Trost,

wechseln zwischen blinder Wut und tiefer Traurigkeit.

Bis hin zur Konfrontation mit der grausamen Realität:

Ja, das Verlorene ist tatsächlich weg.

Wir schauen neben uns, vor uns, hinter uns,

über uns und unter uns.

Es ist tatsächlich weg.

Das Verlorene gehört zu unserer Vergangenheit,

einer Zeit, die es nicht mehr gibt.

So wie der Einbeinige Phantomschmerz erlebt

in dem verlorenen Bein,

quält uns der Schmerz der Lücke,

die der Verlust hinterlassen hat.

In diesem Augenblick aber,

in dem wir nicht mehr weglaufen,

sondern uns der grausamen Realität des Verlustes stellen,

entsteht der Raum für diese Einsicht:

Der Schmerz kommt auch vom

Wiederhabenwollen, oder vom

krampfhaften Loslassenwollen.

Das unbedingte Wiederhabenwollen

und das unbedingte Loslassenwollen,

die wir in unserer Verzweiflung beide bekämpfen,

binden uns noch stärker an den Schmerz des Verlustes.

An dieser Stelle wird uns ein Durchbruch geschenkt:

Wir akzeptieren unser Wiederhabenwollen.

Wir akzeptieren unser Loslassenwollen.

Wir akzeptieren den Verlust.

Da geschieht dann das Wunder:

wir erleben und erfahren eine tiefe Verbundenheit

mit all dem, das wir mit dem Verlorenen

erlebt und erfahren haben.

Da gab es schöne und schwere Stunden,

die uns nichts und niemand nehmen kann.

Das Schwere hat uns stark gemacht.

Und das Schöne schön.

Es ist das Wunder der Verwandlung:

aus Trauer, Einsamkeit und Angst,

wachsen Dankbarkeit, Verbundenheit und Liebe.

Es ist der Raum der Leere neben uns und um uns,

den wir mit unserer eigenen Fülle füllen.

Der Fülle des Friedens aus der Mitte unserer Herzen.

Es ist der Raum unserer eigenen Fülle,

die uns unwiderstehlich attraktiv macht für alle,

die aus ihrer Fülle leben.

Es ist der Raum, in dem wir nicht mehr

die Leere anderer füllen wollen

und nicht mehr die eigene Leere

von anderen gefüllt bekommen wollen.

Es ist der Raum, in dem zwei Menschen,

die aus ihrer eigenen Fülle

in der Mitte ihrer Herzen leben,

sich zusammen tun

(den Himmel kann man nur zu zweit betreten).

Diese beiden verbreiten eine solch

überwältigend unwiderstehliche Atmosphäre

der Lieblichkeit und des Friedens,

dass andere nicht anders können,

als sich hinzu zu gesellen.

Solche Dreibeiner

laufen auf ihren selbst geschnitzten Krücken

beschwingter und erlöster, als Millionen Zweibeiner,

die auf High Heels humpelnd durch die Zeit hetzen.

Ich wünsche uns nicht, dass wir ein Bein verlieren.

Aber eine der selbst geschnitzten Krücken

könnte die Vergebung sein,

mit der wir dem vermeintlich Schuldigen

an unserem Verlust, vergeben.

Und dabei erleben,

dass wir längst schon wieder auf zwei Beinen gehen.

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