Überzeugung

Überzeugung

Heute Morgen hat mich eine einzelne Fliege

zum Jähzorn gebracht.

Ich war fest davon überzeugt,

dass sie den Tod verdient hat.

Und ich war fest davon überzeugt,

dass ich einen Platz auf dieser Welt verdient hätte,

an dem mich niemand zum Jähzorn bringen darf.

Nach vielen Therapiestunden

bin ich davon überzeugt,

dass ich ein Recht darauf habe geliebt zu werden,

von Freunden, Kollegen, Verwandten und Partnern.

Außerdem bin fest davon überzeugt,

dass eine bestimmte Anzahl von Flüchtlingen

unsere Unterstützung verdient haben.

Allerdings habe ich für den Fall,

dass es einmal drei Milliarden werden,

auch eine feste Überzeugung:

Flüchtlinge, die Todesangst haben,

sind einigermaßen willkommen.

Menschen, die Hunger und Durst haben

(Wirtschaftsflüchtlinge)

sollen sich zuhause ein bisschen mehr Mühe geben.

Menschen, denen von morgens bis abends

hunderte von Fliegen im Gesicht sitzen,

sollen sich in Gelassenheit üben

und sich dem Schicksal fügen, durch das sie

in dieses Land geboren wurden.

Besonders fest bin ich überzeugt davon,

dass Menschen, die mit Gewalt

gegen Flüchtlinge vorgehen,

verurteilt und eingesperrt werden müssen.

Ich gehöre nicht zu denen,

die keiner Fliege etwas zu Leide tun können.

Aber meine Zeitgenossin Sophia von heut Morgen,

hat mich immerhin Folgendes gelehrt:

Über – Zeugung

könnte das übermäßige Erzeugen von Gedanken sein,

im Sinne von Übereifer bei Überzeugung.

Gedanken,

mit denen ich Verantwortung übernehme sollte

für mein Wohlbefinden oder bei Missbefinden,

für das Wohlbefinden meiner Mitmenschen

oder bei deren Missbefinden.

Seit heute Morgen,

seit meiner Begegnung mit Sophia,

bin ich ein wenig verunsichert

mit meinen Überzeugungen.

Ich ahne,

dass ich viel Unheil damit angerichtet habe.

Vielleicht werde ich in der Zukunft weiterhin

Fliegen hinrichten, die mich zum Jähzorn treiben.

Kann aber auch sein,

dass mich ein Hauch von Dankbarkeit erschüttert,

wenn Sophia alleine kommt,

ohne ihre hundert Kolleginnen.

Selbstverständlich müssen wir

rechtsradikale Gewalttäter einsperren,

aber vielleicht finde ich Zugang zu der Liebe in mir,

die in den hassverzerrten Gesichtern

die tiefen Verletzungen und Wunden

fehlender Liebe und Geborgenheit erkennt

und die gleiche Sehnsucht nach Glück und Liebe,

die in die Gesichter von Flüchtlingen

geschrieben ist.

Selbstverständlich habe auch ich

ein Recht darauf geliebt zu werden.

Aber vielleicht finde ich Zugang zu der Liebe,

die ich in mir trage,

damit ich aufhören kann,

andere mit meiner Sehn-Sucht nach Liebe

zu tyrannisieren,

um mir von ihnen meine alten Wunden

fehlender Liebe heilen zu lassen.

Stattdessen könnte ich mir und allen anderen

dies unterstellen:

Immer dann, wenn ich aus Überzeugung

verurteile und angreife,

kämpfe ich mit meinen alten Wunden

und stoße in die alten Wunden anderer.

Und immer dann,

wenn ich in Worten, Gedanken oder Taten

andere Menschen annehme und umarme

(Freunde, Partner, Flüchtlinge und Gewalttäter),

bin ich in der Mitte meines Herzens,

da, wo die Liebe ist.

Kann gut sein,

dass die dann Zugang zu der Liebe finden,

die sie in sich tragen.

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