Engelsdüfte

Engelsdüfte

 

Das ganze Zimmer leuchtet in orange,

Sonnenaufgang.

 

Das erinnert mich an Mutter,

die uns Kindern beim Sonnenuntergang an Heiligabend,

auf dem Weg von der Kirche nach Hause zur Bescherung,

erklärt hat:

„Das Christkind backt Kuchen“.

 

Vor mir steht leuchtend ein Engel

aus gläsernem Acryl,

mit einem bläulichen LED-Lämpchen.

Herrlich romantisch,

fast ein bisschen kitschig.

Den bekommen meine Enkel zu Weihnachten.

 

Ich erinnere mich an die Zeit

ernsthafter theologischer Auseinandersetzungen

mit der Weihnachtsbotschaft der Inkarnation,

der Fleisch- und Menschwerdung Gottes.

Als ich jeden romantischen Weihnachtskitsch

vehement bekämpft habe.

 

Aber viel lieber erinnere ich mich an die Zeit

mit all den herrlichen Klängen und Gerüchen,

den seelischen Erschütterungen knisternder Vorfreude

beim Plätzchenbacken im Kerzenschimmer.

 

Und an die Zeit, als wir für unsere Tochter

den ganzen Wohnzimmerteppich

mit Stroh bedeckt hatten,

um der Krippe ganz nahe zu sein.

 

Meine Enkel bekommen einen

bläulich leuchtenden Acrylengel.

 

Das Geheimnis der Weihnachtsengel:

Sie sind wie Düfte.

Sie krabbeln in jede Ritze.

 

Weihnachtsengeldüfte

sind nicht einfach nur romantisch.

Sie krabbeln in jede Ritze.

 

Wenn Du Frieden willst und Versöhnung,

wenn Du Flüchtlinge wie Maria und Josef

aufnehmen willst,

musst Du damit rechnen,

dass Du den Christus in Dein Haus lässt.

Das ist nicht romantisch.

 

Kann sein, dass wir Menschen

viel lieber auf all die Romantik achten,

damit wir uns die frohe Botschaft

nicht anschauen müssen.

 

Frieden wirklich wollen

ist kein romantisches Knistern.

Die Engelsdüfte gehen in jede Ritze.

Auch dahin, wo unser Unfriede ist,

unser Rechthabenwollen, unsere Urteile,

unsere Sorgen und Ängste.

 

Wenn wir es uns erlauben,

all unseren Groll und all unsere Angst anzuschauen,

ist das der wundersame Beginn, beide loszulassen.

 

Wir dürfen unsere versteckten Flüche flüstern,

uns unserer bodenlosen Einsamkeit stellen,

unseren gierigen Egoismus aussprechen,

unseren Hass in ein Kissen schreien,

unsere bisher ungeweinten Tränen strömen lassen,

unsere tiefsten Sehnsüchte bekennen

und vor dunkler Todesangst erschaudern.

 

Das alles auch ist unsere Wirklichkeit.

Hinschauen und Loslassen ist kein Spaß

und keine Romantik.

 

Wenn wir uns all dem, was so furchtbar weh tut,

vertrauensvoll und mutig stellen

und es mit jemandem teilen,

müssen wir damit rechnen,

dass jemand uns zum Christus wird,

wir jemandem zum Christus werden.

 

DAS könnte in diesem Jahr

die Weihnachtsbotschaft sein.

 

Und dafür dienen

all die schönen Gerüche und Klänge,

all die wunderbaren Leckereien.

Ja, das Christkind backt Kuchen.

 

Und meine Enkel

bekommen einen gläsernen Acrylengel

mit bläulichem LED-Lämpchen.

 

Denn Engelsdüfte gehen in alle Ritzen.

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